VG-Wort

oder

Kritik: Exil (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wie rassistisch unsere Gesellschaft ist, wird seit einigen Jahren intensiver diskutiert. Durch den Tod des US-Amerikaners George Floyd, der im Mai 2020 bei einer Festnahme starb, hat die Debatte auch in Deutschland wieder an Fahrt aufgenommen. Und das ist gut so. Filme wie "Exil", der seine Premiere Anfang des Jahres beim Sundance Film Festival feierte und im Anschluss bei der 70. Berlinale zu sehen war, halten die Debatte wach.

Filmemacher Visar Morina, der das Drehbuch schrieb und Regie führte, ist nicht an einfachen Schuldzuweisungen interessiert. Zwar führt er sein Publikum an der Hand seiner Hauptfigur Xhafer (Mišel Matičević) durch diesen Genremix, stellt dessen Blick auf die Welt aber wiederholt infrage. "Exil" ist ein komplexes, klug konstruiertes Gebilde, das seine Kraft nicht nur aus den eindrücklichen Leistungen von Mišel Matičević, Sandra Hüller und Rainer Bock speist, sondern auch von einer sich steigernden formalen Ebene lebt.

Morina wirft die Zusehenden mitten hinein in einen heißen Sommer. Schweiß perlt von der Stirn, Ventilatoren laufen im Dauerbetrieb. In den dunklen Gängen des Pharmaunternehmens, das Kameramann Matteo Cocco behände und stets mit gebührendem Abstand zu den Figuren durchmisst, herrschen Druck und Bedrückung.

Hier treffen mit Xhafer, Rainer Bocks Urs und dem von Thomas Mraz gespielten Manfred drei Außenseiter aufeinander, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ausgegrenzt werden. Anstatt sich zu solidarisieren, arbeiten sie gegeneinander. Auf der Tonspur ticken Uhren, die Percussion treibt den Protagonisten voran, dissonante Klavierklänge versetzen ihn allmählich in Rage. Der sich aufbauende Stress ist jederzeit spürbar.

Die große Stärke dieses Films ist es, nicht zu urteilen. Die Grenzen zwischen Missverständnissen und mutwilligen Fehlinterpretationen auf der einen Seite und unbewusstem, verstecktem und offenem Rassismus auf der anderen sind fließend. Ebenso geschmeidig fließt "Exil" von einem Genre ins andere. Der Film ist mal Gesellschaftsanalyse im Kleinen, mal großes Familiendrama, mal Paranoiathriller und dadurch bis zur letzten Minute wendungsreich und spannend.

Fazit: Regisseur und Drehbuchautor Visar Morina legt ein vielschichtiges Drama über Integration und Ausgrenzung, über gefühlten und ganz realen Rassismus vor. Toll besetzt und gespielt, wendungsreich geschrieben und formal ambitioniert, überlässt "Exil" seinem Publikum das Urteil. Viele darin dürften nach dem Film ihr eigenes Verhalten hinterfragen. Denn Morinas Film zeigt, wie einfach eine unbedachte Äußerung verletzen und wie selbst ein Applaus zu ohrenbetäubendem Lärm werden kann.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.