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Gretel & Hansel
Gretel & Hansel
© Capelight Pictures

Kritik: Gretel & Hänsel (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

"Gretel und Hänsel" orientiert sich grob an der Grimm’schen Vorlage, fügt aber weitere Story-Elemente und mythische Aspekte hinzu und bemüht sich um eine zeitgemäße Modernisierung in Form einer vermeintlich emanzipatorischen Coming-of-age-Story, die die Entwicklung der Gretel in den Mittelpunkt stellt (während Hänsel zum nervigen Anhängsel degradiert wird). Das große Problem dabei: Der unbedingte Stilwille von Regisseur Oz Perkins (Sohn von Anthony Perkins) und die Künstlichkeit der Bilder überlagern eine inhaltliche Leere, die umso gravierender ist, da die Märchen und Mythen oft inhärente psychologische Tiefe einer platten Gefälligkeit geopfert wird.

Die Änderungen an der Originalstory wirken eher gewollt als schlüssig und verkommen zum Selbstzweck, anstatt neue Dimensionen zu der alten Geschichte hinzuzufügen, diverse Logiklöcher und ein eher holpriger Erzählfluss sind leider nicht von der Hand zu weisen. Die oben erwähnte Artifizialität, die Stilisierung der Bilder sind für sich genommen natürlich schon beachtlich und erinnern in Kombination mit dem dröhnenden und aus Soundlandschaften bestehdenden Soundtrack in den besten Momenten an Robert Eggers oder auch Nicolas Winding Refn. Die Farbpalette ist adäquat düster und verwaschen, Kerzenlicht und Schattenspiele sorgen zumindest ansatzweise für Atmosphäre und Schauerstimmung. Das Problem bleibt, dass es keinen verbindenden roten Faden gibt, der die wunderhübsche Bilderstafette zusammenhalten würde, und unter der barock ausgestalteten Oberfläche wenig winkt außer Klischees und halbgarer Drehbucheinfälle: Eine Hipster-Variante des Grimm-Märchens, die an ihrer Oberflächlichkeit laboriert und die für die Zuseher weder ansprechende Identifikationsfiguren bereithält, noch irgendwie emotional zu fesseln vermag.

Auch als geradlinige und upgedatete Horror-Variante, die inhaltliche Tiefe nicht unbedingt nötig hätte, geht "Gretel und Hänsel" nicht durch, da der Fokus klar auf Stil und Atmosphäre liegt und kaum Schockelemente vorhanden sind, die das insgesamt träge Pacing irgendwie aufpeppen würden. Letztlich scheitert Regisseur Perkins vor allem an seinem eigenen Anspruch, eine "alte Geschichte in neuem Gewand" zu erzählen. Denn das neue Gewand ist zwar gefällig und entspricht in vielerlei Hinsicht aktuellen Moden und dem Zeitgeist, dient am Ende aber doch nur dazu, gähnende Ideenarmut zu verdecken und auszuschmücken. "Gretel und Hänsel" mag zwar sein Publikum finden, in die Filmgeschichte eingehen wird dieser affektierte Arthouse-Horror aber mitnichten.

Fazit: Eher misslungene Neuinterpretation des bekannten Grimm-Märchens, das sich zu sehr auf seine tatsächlich vorhandenen visuellen Qualitäten verlässt und dabei völlig die Handlung oder seine Botschaft vergisst, die höchstens klischeehaft genannt werden kann: Schön anzusehen, nichts dahinter.




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