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Kritik: Persischstunden (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Novelle "Die Erfindung einer Sprache" geht zurück auf den Berliner Drehbuchautor und Schriftsteller Wolfgang Kohlhaase, der vor allem für seine Arbeit mit dem Regisseur Konrad Wolf ("Solo Sunny") bekannt ist. Der US-ukrainische-amerikanische Filmemacher Vadim Perelman nahm sich den Stoff vor und verwandelte ihn in den auf der diesjährigen Berlinale uraufgeführten Historien-Drama-Kriegsfilm-Mix "Persischstunden". Gedreht wurde der Film von Ende 2018 bis Anfang 2019 in Minsk.

Dass "Persischstunden" auf einer Kurzgeschichte basiert, merkt man dem mit fast 130 Minuten Laufzeit viel zu lang und ausschweifend geratenen Werk leider sehr früh an. Denn inhaltlich bietet "Persischstunden" letztlich zu wenig, um über diese Lauflänge durchgehend zu fesseln und in den Bann zu ziehen. Viel zu oft stellen sich Längen und Monotonie ein, wenn Perelman die stets gleichen Abläufe und den (durch andere KZ-Filme hinlänglich bekannten sowie) generischen Lager-Alltag zeigt. Bilder und Szenen von sich über Belanglosigkeiten unterhaltende NS-Aufseher, zur Zwangsarbeit gezwungener Häftlinge oder Massenerschießungen in abgeschiedenen Wäldern sind alles andere als neu und erzeugen weder einen Erkenntnisgewinn noch einen dramaturgischen Mehrwert.

Viel besser wäre es gewesen, hätte sich der Filmemacher noch mehr auf die Hintergründe und Motivationen seiner beiden spannenden Hauptcharaktere konzentriert. Richtig nah kommen sie einem selten und ein aufrichtiges Mitgefühl entsteht für Gilles nur in wenigen Einzelszenen. Und zwar dann, wenn sein Schwindel aufzufliegen droht oder er, durch beständig neue Notlügen und "kreative Einfälle", den Schein gerade noch zu wahren vermag. Denn die Momente, in denen der aalglatte, charismatische und physisch einschüchternde Nazi Koch und sein "Privatlehrer" Gilles, ein gebrochener, hagerer junger Mann, unter sich sind und ihrem Sprachunterricht nachgehen, weisen durchaus immer wieder eine elektrisierende Atmosphäre und knisternde Spannung auf.

Das liegt in erster Linie an der beklemmenden Aura und dem schauerlichen Auftreten Kochs, grandios verkörpert von Eidinger. Innerhalb weniger Minuten und quasi ohne Vorwarnung durchläuft er eine Wandlung hin zum besten Freund (einmal bietet er Gilles das "Du" an) und sympathischen, wissbegierigen Schüler, nachdem er kurz zuvor noch als misstrauischer, Drohgebärden aussprechender und von Hass durchzogener Fanatiker auftrat. Darüber hinaus besticht der Film durch historische Genauigkeit, da Perelman das im Elsass gelegene KZ Natzweiler-Struthof mit Hilfe authentischer Kulissen und exakter, detailversessener Requisiten sowie Ausstattungen wiederauferstehen lässt.

Fazit: Visuell detailliertes und realitätsnah gefilmtes KZ-Drama über den Kampf ums Überleben in menschenverachtenden Zeiten, das jedoch zu oft auf generische Lager-Bilder und altbekannte Versatzstücke setzt.




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