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The Vigil
The Vigil
© Central Film © Wild Bunch

Kritik: The Vigil - Die Totenwache (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In seinem Kinodebüt setzt der amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Keith Thomas auf die ungewöhnliche Kombination von jüdischer Religion und Horrorfilm. Ein psychisch labiler Mann, der unter einem traumatischen Erlebnis leidet, soll das Ritual der nächtlichen Totenwache bei einem ehemaligen Überlebenden des Holocaust halten. Im Haus befindet sich nur noch die angeblich demente Witwe, die ihn für diesen Dienst nicht haben will.

Nach und nach erfährt der junge Mann, dass der Tote von einem kulturell überlieferten Dämon, dem Mazik, besessen gewesen sein soll. Der Mazik braucht das Leid der Menschen, er sorgt dafür, dass sie ihr Unglück nicht mehr loswerden. Muss Yakov, der Totenwächter, nun den Dämon austreiben, damit er nicht auf ihn übergeht, oder lauert die wahre Bedrohung in seinem eigenen Kopf? Will ihn vielleicht gar der Rabbi mit diesem Auftrag dafür bestrafen, dass er der strenggläubigen Gemeinde abtrünnig wurde?

Yakov macht sich jedenfalls dem Toten gegenüber, der unter einem weißen Tuch aufgebahrt liegt, schuldig. Statt ihm die Psalmen zu verlesen, kehrt er ihm auf seinem Stuhl den Rücken, kramt Ohrhörer hervor und hört Musik. Als es dann bald ungemütlich für ihn wird, erkennt Yakov, dass er schon im eigenen Interesse auf die Religion nicht ganz verzichten sollte.

Das Spannungsfeld zwischen orthodoxem jüdischem Glauben und einem von ihm Abgefallenen eignet sich für reizvollen Suspense. Über diesen verfügen auch die anderen Themen. Einerseits erinnert das Phänomen der Dämonenaustreibung an "Der Exorzist", andererseits aber legt Thomas reale Traumata der Charaktere, die Last menschlicher Tragik, individuellen Versagens frei. Ursache für das Leid, das in Rückblenden, Visionen, Erzählungen aufscheint, ist der Antisemitismus, der die Juden ebenfalls wie ein Dämon über die Zeiten begleitet.

Dave Davis spielt Yakov zunächst als unsicheren, zurückhaltenden Mann, als jemanden, der leicht die Orientierung verliert. Dann werden seine Gesichtszüge härter, entschlossener, er begibt sich auf den Kriegspfad. Die spärlich beleuchtete Wohnung erweist sich mit ihrem alten Mobiliar als stilvoller Horror-Schauplatz. Mit meist nur bruchstückhaft, undeutlich serviertem Schrecken und düster bedrohlicher Musik regt die Inszenierung die Fantasie der Betrachter an. Die verschachtelte Geschichte bleibt mit ihren lange versteckten Trümpfen unvorhersehbar.

Fazit: Das Spielfilmdebüt des Regisseurs und Drehbuchautors Keith Thomas überzeugt als spannende, vielschichtige Horrorgeschichte. Sie taucht in Rituale und Überlieferungen der jüdischen Kultur ein und verweist auf den Halt, den die Religion den seit jeher von Antisemitismus verfolgten Gläubigen bietet. Während einer Totenwache im New Yorker Stadtteil Brooklyn begegnet ein junger Mann einer dämonischen Kraft, die vom Toten auf ihn überzugehen droht. Dabei entfaltet sich ein raffiniertes Rätselspiel um die Frage, inwiefern der Dämon mit dem real erlebten Leid seiner Opfer in Verbindung steht.




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