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Schwesterlein
Schwesterlein
© Weltkino Filmverleih

Kritik: Schwesterlein (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die beiden Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond haben mit dem Geschwisterpaar aus ihrem Drama einiges gemeinsam. Sie lieben Berlin und die Welt des Theaters, der sie als Schauspielerinnen verbunden sind. Außerdem sind sie sich als Freundinnen seit der Kindheit ähnlich nahe und vertraut wie im Film die Zwillinge Lisa und Sven. Ihr wuchtiger Film über die Bretter, die die Welt bedeuten, Geschwisterliebe und den Tod feierte seine Premiere im Wettbewerb der Berlinale 2020.

Der an Leukämie erkrankte Sven braucht als Schauspieler die Bühne wie zum Beweis seiner menschlichen Existenz. Die Geschwister sind sich einig, dass er nach der Knochenmarktransplantation bald wieder auftreten muss, um neue Lebenskraft zu entwickeln. Der Erholungsbesuch des Bruders bei ihrer Familie in der Schweiz macht Lisa aber auch zunehmend bewusst, wie sehr sie ihre frühere Arbeit als Berliner Theaterautorin vermisst. Die Zwillinge sind wie zwei Gestrandete, die sich gemeinsam zu retten versuchen, wie Hänsel und Gretel. Lisa beginnt für Sven auch einen Theatermonolog zu schreiben, der von dem Märchen der Brüder Grimm inspiriert ist.

Nina Hoss und Lars Eidinger gelingt es, Lisas und Svens innige Verbundenheit überzeugend zu spielen. Die Zwillinge verstehen sich auf eine exklusive Art, sie lachen, passen sich im Dialog die Bälle zu, wie sie das mit anderen nicht tun, schmiegen sich aneinander. Zur schrulligen Mutter haben sie ein distanziertes Verhältnis. Marthe Keller spielt diese alte Frau hervorragend in ihrer komplizierten Lebhaftigkeit und Einkapselung.

Dennoch wirkt das Drama sperrig und etwas verkopft. Dass die den Bruder so liebende Lisa nicht erkennen will oder kann, wie schlecht es um ihn steht, ist schon merkwürdig. Dass sie ausgerechnet jetzt, während sie sich so intensiv um ihn kümmert, ihre Ehe mit Martin infrage stellt, irritiert ebenfalls. Diese geballte Gleichzeitigkeit zweier nervenaufreibender Krisen wirkt gewollt. Lisa scheinen die Sicherungen durchzubrennen. Das mal introvertierte, mal eruptive Spiel von Nina Hoss fasziniert, betont aber Lisas Ähnlichkeit mit einer Theaterfigur, die mit dem realen Leben nicht allzu viel am Hut hat.

Fazit: Das Drama der Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond erzählt von einem erwachsenen Zwillingspaar, dessen Lebenselixier das Theater ist. Lars Eidinger überzeugt mit gewohnt kraftvollem Spiel in der Rolle des sterbenden Theaterschauspielers, der noch einmal auf die Bühne will. Nina Hoss beeindruckt als die Schwester, die um das Leben des Bruders kämpft und auch ihres retten will, indem sie der Ehe nicht länger den Vorzug vor ihrer geliebten Arbeit gibt. Die mit Konflikten vollgepackte Geschichte wirkt mit ihrer Tendenz zur Verdichtung weniger aus dem Leben gegriffen, als selbst für die Bühne gemacht.




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