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Mein Liebhaber, der Esel & Ich
Mein Liebhaber, der Esel & Ich
© Wild Bunch

Kritik: Mein Liebhaber, der Esel und ich (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die französische Regisseurin Caroline Vignal besingt das klassische Los der Geliebten eines verheirateten Mannes. Der Film spielt geradezu mit Klischees: das Zurückstecken der Geliebten gegenüber der Familie, das Wandern als Methode der Selbsterfahrung. Aber indem die Geschichte ihrer emotional ins Schleudern geratenen Heldin auf Ab- und Umwege folgt, wird sie zur herzerfrischenden Komödie.

Antoinette beschreitet den berühmten Wanderpfad, auf dem 1878 der Schriftsteller Robert Louis Stevenson den Kummer des Getrenntseins von der verheirateten Fanny Osbourne zu bewältigen suchte. Antoinette hat seinen Reisebericht im Gepäck, aber den Kopf nicht frei. Ihr Plan, Vladimir auf der Wanderung mit ihrer Anwesenheit zu überraschen, wirkt in seiner Kindlichkeit prekär. Aber hat nicht gerade dieses unverfälschte Bedürfnis, zu sagen, "hey, ich bin auch noch da!", eine subversive Kraft? Antoinettes Mission ist auf dem Wanderpfad bald in aller Munde.

Wie um das zwiespältige Image einer romantischen bis liebestollen Frau zu bestätigen, kleidet sich Antoinette schicker als die geübten Wanderer. Sie versteckt ihre Reize nicht und liebt die Farbe Rot. Aber wenn sie im Gespräch mit anderen freundlich lächelt, spürt man oft, dass sie nicht weiß, ob sie sich nicht gerade peinlich sein muss. Laure Calamy spielt Antoinettes Hang zum Fettnäpfchen fröhlich aus, zeigt aber auch, dass sie staunend begreift. So wird ihr Charakter zur sympathischen Identifikationsfigur für alle, die das Problem schwankender Sichtweisen kennen.

Antoinettes Weg ist gepflastert mit unvorhergesehenen Ereignissen. Der Esel Patrick ist störrisch, erweist sich aber auch als treuer Zuhörer. Antoinettes oft etwas merkwürdige, zuweilen gar märchenhafte Erlebnisse verbinden sich mit der nüchternen Erfahrung, immer wieder auf sich gestellt zu sein. Die Begegnung mit Vladimir und seiner Frau steckt voller Tücken, die herrlich ausgespielt werden. Die von Olivia Côte mit kraftvoller Präsenz ausgestattete Eléonore drückt der Handlung zeitweilig einen interessanten Stempel auf.

Es macht Spaß, den widersprüchlichen Kombinationen zuzuschauen, die sich Vignal beim Erzählen einfallen lässt und die so lebensnah wirken. Der konflikthafte Höhepunkt der Tour nimmt beispielsweise einen so unspektakulären Verlauf, dass er geradezu in sich zusammenfällt, wie das auch Soufflés beim Selberbacken gerne tun.

Fazit: Die französische Regisseurin Caroline Vignal betritt nur scheinbar ausgetretene Pfade, indem sie die versetzte Geliebte eines verheirateten Mannes in ein Wanderabenteuer schickt. Man meint zu wissen, wohin die Reise führt und wird doch sehr angenehm überrascht von einem Weg, der kreuz und quer verläuft. Laure Calamy spielt die Hauptfigur als sympathische, in Aufruhr geratene Person, die so widersprüchlich ist wie das Leben und folglich kaum jemals weiß, wo es langgeht. Indem die Komödie Gegensätze wie humorvolle Zuspitzungen und realitätsnahe Nüchternheit zusammenführt, gelingen ihr erfrischende Perspektiven.







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