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The Father
The Father
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Kritik: The Father (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein Drama über Altersdemenz ist meistens auch das Drama einer Beziehung. Plötzlich muss sich ein erwachsenes Kind um ein Elternteil kümmern, das sich gegen solche Einmischung nicht selten heftig wehrt. Wenn sich die Welten der Realität und der Erinnerungen wild zu vermischen beginnen, fühlt sich der alte Mensch womöglich gar als Opfer eines Komplotts. So wie der auf seinem gleichnamigen Theaterstück basierende Debütfilm von Regisseur Florian Zeller zeigt auch der ebenfalls demnächst startende "Falling" von Viggo Mortensen die kräftezehrende Auseinandersetzung einer erwachsenen Person mit einem dementen Vater. Trotz aller Unterschiede legen beide Filme Wert darauf, die Zuschauer*innen immer wieder die Perspektive der Vaterfigur einnehmen zu lassen. Anthony Hopkins erhielt 2021 den Oscar als bester Hauptdarsteller, außerdem wurde das adaptierte Drehbuch mit einem Oscar ausgezeichnet.

Was Anthony widerfährt, lässt den Film streckenweise in die Nähe eines Thrillers rücken. Der alte Mann macht zunächst nicht immer einen verwirrten Eindruck, und vielleicht ist ja etwas dran an seinem Verdacht, die Tochter wolle ihn abschieben, um seine Wohnung zu bekommen. Wie er fragen sich auch die Zuschauer*innen irgendwann, was das Theater mit Annes geplantem Umzug nach Paris soll, den sie dann wieder als reine Fantasie ihres Vaters hinstellt. Die nichtlineare Erzählung mit ihren Schleifen, in denen sich die Zeiten und Gedankenfetzen so bunt vermischen, dass nicht einmal die wechselnden Blusen Annes noch verlässliche Orientierung über die Reihenfolge der Ereignisse bieten, dokumentiert die geistige Zermürbung, deren Opfer Anthony wird. Es sorgt für Suspense, dass man Anne und ihren Partner Paul zeitweise mit etwas Argwohn betrachtet. Pauls Aggressivität hat zumindest einen realen Anteil.

Aber Zellers Geschichte interessiert die Hilflosigkeit des alten Mannes dann doch zunehmend als Ringen mit sich selbst. Anthony Hopkins spielt dieses hervorragend, mit den abrupten Stimmungsschwankungen und der Verunsicherung, die seinem Charakter zusetzt. Anfangs wirkt dieser Anthony noch sehr gefestigt, nach und nach aber dämmert ihm, wie sehr der Boden unter seinen Füßen schwankt. Es ist großartig, wie lebhaft Hopkins den alten Mann spielt, als den Helden eines wahrhaft umwälzenden Abenteuers. Olivia Colman gibt als Tochter, die um Selbstbeherrschung ringt und ihre Gefühle doch nicht verleugnen kann, ebenfalls eine starke Vorstellung.

Fazit: Das Regiedebüt von Florian Zeller, das auf seinem gleichnamigen Theaterstück basiert, zieht sein Publikum emotional tief in das Drama einer aufreibenden Vater-Tochter-Beziehung. Anthony Hopkins glänzt in der Rolle des über 80-jährigen Mannes, den die Realität zunehmend verwirrt. So versteht er nicht, warum ihm seine besorgte, von Olivia Colman zurückhaltend und doch feinfühlig gespielte Tochter unbedingt eine Pflegerin ins Haus holen will. Sein Misstrauen, sein Ringen um Orientierung werden in den Schleifen der Handlung nachvollziehbar und würzen das Drama mit zuweilen knisternder Spannung.




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