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Kritik: Quo Vadis, Aida? (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Quo Vaids, Aida" handelt von den letzten Tagen vor dem schrecklichen Massaker von Srebrenica. Es ging in die Geschichte als das schlimmste Kriegsverbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg ein. Mitte Juli 1995 fielen 8000 Unschuldige (fast nur Männer und Jungen zwischen 13 und 78) brutalen Paramilitärs und meuchelnden Soldaten des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladić zum Opfer. Der Film entstand im Frühjahr und Sommer 2019 an Originalschauplätzen in Bosnien-Herzegowina.

In ungeschliffenen, wahrhaftigen Handkamerabildern zeigt Regisseurin Jasmila Žbanic den Kampf einer Frau, die zwischen den sich feindlich gegenüberstehenden Kriegsparteien aufgerieben wird. Während sie die Bilder der (zerstörten) Stadt, vom Anrücken der Armee oder dem Einmarsch meist in statischen, unbewegten Einstellungen präsentiert, wechselt Žbanic innerhalb des Lagers häufig zur Wackelkamera. Und folgt Aida auf Schritt und Tritt.

Als UN-Dolmetscherin kann Aida die von ihr geforderte Sachlichkeit und unparteiische Neutralität aber natürlich nicht lange aufrechterhalten. Zumal sie bei all dem Chaos, der Todesangst und der Hektik im Lager auch noch mit ihrer eigenen Angst fertig werden muss. Ihrer Angst um ihren Mann und die beiden Söhne, die sich an anderen Orten des Lagers befinden – getrennt von Frau und Mutter.

Es sind drastische, erschütternde Aufnahmen und mitreißende Szenen, die sich in den verschiedenen Bereichen und Orten des UN-Quartiers abspielen: Žbanic filmt ihrer Hauptdarstellerin quasi über die Schulter, wenn diese durch die nur spärlich beleuchteten Gänge rennt und die engen Gassen hetzt, im Krankentrakt nach Hinterblieben sucht, die verzweifelten Menschen hinter dem Stacheldrahtzaun sieht. Auf diese Weise entsteht eine große Nähe zu Aida, die Jasna Ðuriči trotz aller Dramatik und Panik mit würdevoller Zurückhaltung verkörpert.

Die Hauptdarstellerin geht mit ihrem virtuosen Spiel an die Grenze des erträglichen. Unerträglich sind die Momente des Massakers an sich. Dieses vernimmt man in einer der erschütterndsten Sequenzen ausschließlich über die Tonspur. Doch das genügt völlig, um beim Betrachter eine unnachgiebige Seherfahrung zu erzeugen, die lange nachhallt.

Fazit: "Quo Vadis, Aida" ist die reichlich detaillierte, schmerzhaft realistische und fabelhaft gespielte filmische Aufarbeitung eines Jahrhundertverbrechens, dessen dokumentarischer Anstrich für ebenso bemerkenswerte wie schockierende Wahrhaftigkeit sorgt.




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