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Helden der Wahrscheinlichkeit - Riders of Justice
Helden der Wahrscheinlichkeit - Riders of Justice
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Kritik: Helden der Wahrscheinlichkeit - Riders of Justice (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Anders Thomas Jensen zählt nicht nur zu den vielbeschäftigtsten, sondern auch zu den vielfältigsten Drehbuchautoren Dänemarks. Seit Mitte der 1990er ist der 1972 geborene Jensen im Geschäft und hat seither mehr als 50 Drehbücher verfasst. Ernste Dramen wie Susanne Biers "Brothers" (2004), "Nach der Hochzeit" (2006) und ihren oscarprämierten "In einer besseren Welt" (2010) sind ebenso darunter wie der düstere Western "The Salvation" (2014), der Fantasyfilm "Die Hüterin der Wahrheit" (2015) oder rabenschwarze Komödien wie Lone Scherfigs "Wilbur Wants to Kill Himself" (2002) und Lasse Spang Olsens "In China essen sie Hunde" (1999). In den Filmen, bei denen Jensen auch selbst Regie führt, hat er sich ebendiesen Humor bewahrt.

Jensen nur auf seinen enormen Ausstoß und seinen Abwechslungsreichtum zu reduzieren, täte ihm allerdings unrecht. Der Däne ist mit seiner Arbeit auch ungemein erfolgreich und renommiert. Seine ersten drei Kurzfilme als Regisseur waren jeweils für einen Oscar nominiert. Für den letzten, "Wahlnacht" (1998), hat er die begehrte Trophäe schließlich erhalten. Und Jensens bislang vier Langfilme als Regisseur genießen allesamt Kultstatus. Den dürfte bald auch "Helden der Wahrscheinlichkeit" besitzen.

Nach der Gangsterkomödie "Flickering Lights" (2000), der Kannibalen-Metzger-Komödie "Dänische Delikatessen" (2003), der Nazi-Resozialisierungskomödie "Adams Äpfel" (2005) und der unbeschreibbar schrägen Komödie "Men & Chicken" (2015) hat Jensen diesmal eine Trauerkomödie gedreht. Wie von Jensen gewohnt, geht es auch diesmal derb und durchaus blutig zu. Denn die drei verkopften Einzelgänger, die den von Mads Mikkelsen gespielten Familienvater und Soldaten Markus von ihrer Theorie überzeugen wollen, greifen gemeinsam mit ihm zur Waffe. Das hat nicht nur aberwitzige Momente, sondern auch ordentlich Action zur Folge, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Wer eine sensible und subtile Komödie über den Tod und den Umgang damit erwartet, sitzt im falschen Film. Dass Jensens "Helden der Wahrscheinlichkeit" nichts mit echter Trauerarbeit und nur wenig mit dem Leben zu tun haben, zeigt bereits die clever konstruierte Ausgangslage. Jensens Drehbuch reiht vor den Augen des Publikums eine Kette von Zufällen aneinander, die die Frage aufwirft, wie viel beziehungsweise wie wenig wir im Leben überhaupt kontrollieren können. So gehäuft wie hier kommen Zufälle freilich nur im Film vor.

Wer auf verschrobene Charaktere, irre Wendungen, makabere Gags und schwarzen Humor steht, ist indessen genau richtig. Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas waren bisher in jedem von Jensens Langfilmen als Regisseur dabei und liefern auch dieses Mal mehr als überzeugende Leistungen ab. Die Dynamik zwischen ihren Figuren bringt die Handlung erst so richtig in Gang und hält sie bis zum Schluss am Laufen. Und auch der Rest des Ensembles ist wunderbar besetzt.

Trotz all der lauten, genrebedingten Unglaubwürdigkeiten gelingt es Jensens Film dennoch, leise Zwischentöne unterzubringen. Die drei fremden Männer helfen Markus' Tochter Mathilde durch die Krise – zum Teil mit absonderlichen, nicht weiterzuempfehlenden Methoden, zu einem anderen Teil aber auch nur dadurch, dass sie für Mathilde da sind, während ihr Vater emotional unerreichbar ist. Jensens Film ist nicht nur, aber eben auch eine Komödie über fünf Außenseiter, die sich gegenseitig helfen, ihre Päckchen zu tragen. Und ganz allmählich wird aus dem rabenschwarzen ein hellerer Humor.

Fazit: Anders Thomas Jensens fünfter abendfüllender Spielfilm als Regisseur ist ein wildes Auf und Ab. Die grob gezeichneten Charaktere bewegen sich durch eine Welt, in der sich derbe Späße und makabere Action mit liebevollen Momenten und leisen Zwischentönen abwechseln. Eine toll besetzte und umgesetzte Komödie mit (zunächst) rabenschwarzem Humor. Jensens "Helden der Wahrscheinlichkeit" bieten nicht ganz ernst gemeinte Trauerarbeit voll irrer Zufälle und dürften alsbald Kultstatus erlangen.




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