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Das Beste liegt noch vor uns (2023)
Il sol dell'avvenire
Italienische Tragikomödie von und mit Nanni Moretti über die Missgeschicke an einem Filmset und im echten Leben.Kritiker-Film-Bewertung:User-Film-Bewertung:
Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben bislang 0 Besucher eine Bewertung abgegeben.
Der renommierte Regisseur Giovanni (Nanni Moretti), der gern öfter drehen würde, es aber nur alle fünf Jahre schafft, einen neuen Film herauszubringen, steht mit seinem nächsten Projekt in den Startlöchern. Mit zwei bekannten Darstellern (Silvio Orlando, Barbora Bobulova) in den Hauptrollen will er ein Drama über die Rolle der Kommunistischen Partei Italiens während des Ungarnaufstands 1956 auf die Beine stellen. Doch noch vor Drehbeginn geht alles schief.
Erstmals überhaupt produziert Giovannis Frau Paola (Margherita Buy) Giovannis Film nicht selbst, weil sie zeitgleich am Set eines Actionfilms engagiert ist. Giovannis Tochter, die Filmkomponistin Emma (Valentina Romani), hat keine Zeit für das gemeinsame Ritual, das ihr Vater vor jedem Drehstart durchführt. Giovannis Hauptdarstellerin missinterpretiert sein Drehbuch als Liebesfilm. Und dem französischen Produzenten Pierre (Mathieu Amalric) geht unvermittelt das Geld aus. Zu allem Übel will Paola auch noch die Trennung. Ob eine Finanzspritze des Streamingriesen Netflix den Film und Giovannis Ehe retten kann?
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Filmkritik
"Das Beste liegt noch vor uns": Morettis "8 ½"
Was New York City für Woody Allen bedeutet, das verkörpert für Nanni Moretti Rom. Hier ist der 1953 als Giovanni Moretti geborene Italiener aufgewachsen, hier spielt der Großteil der von ihm selbst verfassten Filme. Wie bei Allen gerät auch bei Moretti die Metropole häufig zum heimlichen Hauptdarsteller. Und noch etwas anderes verbindet die beiden Regisseure, die im Verlauf ihrer langen Karrieren sowohl im komischen als auch im tragischen Fach reüssierten: ein selbstreflexiver Ansatz, der Autobiografisches mit Fiktionalem nahezu untrennbar miteinander vermischt und ein vom Regisseur gespieltes Alter Ego ins Zentrum der Handlung rückt. Woody Allen und Nanni Moretti legen sich in ihren Filmen auch immer ein Stück weit selbst auf die Couch. Im besten Fall springt eine urkomische Therapiestunde dabei heraus.
In Nanni Morettis jüngstem Film, der bereits aus dem Jahr 2023 stammt, also erst mit einiger Verspätung in die deutschen Kinos kommt, wird der Einfluss seines 18 Jahre älteren US-Kollegen besonders deutlich. Die Art und Weise, wie der von Moretti gespielte Regisseur namens Giovanni (!) als kommentierender Erzähler in Szenen aus seiner eigenen Vergangenheit in Erscheinung tritt, ist eine Verbeugung vor Woody Allens "Der Stadtneurotiker" (1977). Moretti kopiert das große Vorbild aber nicht bloß. Er spinnt die filmischen Querverweise weiter. Eine Szene, in der Giovanni am Set eines Kollegen Koryphäen aus den unterschiedlichsten Fachgebieten herbeizitiert, um die von ihm vorgetragenen Argumente zu untermauern, ist klar an die berühmte Szene zwischen Woody Allen und dem Medientheoretiker Marshall McLuhan aus besagtem "Stadtneurotiker" angelehnt, wird von Moretti allerdings so genüsslich auf die Spitze getrieben, das etwas völlig Eigenes daraus entsteht.
Mehr noch als von den Filmen Woody Allens ist "Das Beste liegt noch vor uns" aber von einem Meilenstein eines Landsmanns Morettis geprägt. Denn im zarten Alter von 70 Jahren hat sich Nanni Moretti dazu entscheiden, abermals seinen ganz persönlichen "Achteinhalb" (1963) zu drehen.
Kino, Kommunismus und der ganze Rest
Wenn es um Filme über verzweifelte Filmemacher geht, ist Federico Fellinis Klassiker nicht nur der Referenzpunkt schlechthin. Er hat auch unzählige vergleichbare Werke bekannter Regisseure beeinflusst: Rainer Werner Fassbinders "Warnung vor einer heiligen Nutte" (1971), François Truffauts "Die amerikanische Nacht", Bob Fosses "All That Jazz" (1979), Wim Wenders "Der Stand der Dinge" (1982) und in jüngerer Vergangenheit Pedro Almodóvars "Leid und Herrlichkeit" (2019). Mit "Stardust Memories" (1980) und "Goldene Träume" (1981) dürfen Woody Allen und Nanni Moretti in dieser Liste selbstredend nicht fehlen. Mehr als 40 Jahre später gesellt sich Moretti ein weiteres Mal hinzu – und bleibt seiner anderen großen Liebe (neben dem Kino und dem Wasserball) treu: der linken Politik.
Im italienischen Original heißt der Film "Il sol dell'avvenire", also "Die Sonne der Zukunft", was an einen der unzähligen Werbeslogans der Kommunistischen Partei im Nachkriegsitalien angelehnt ist. Denn darum, um die Partito Comunista Italiano (PCI) und ihre Reaktion auf den Ungarischen Volksaufstand, kreist der Film im Film. Das Drumherum, also die Szenen von den Dreharbeiten bis zum Privatleben des Regisseurs und seiner in der Branche beschäftigten Familie, erzählt ebenso einfallsreich wie amüsant von einem doppelten Verfall: dem der Filmindustrie und dem einer Ehe. Was "Das Beste liegt noch vor uns" wiederum gleich in dreifacher Hinsicht zu einem Liebesfilm macht. Denn es geht um die (Hass-)Liebe eines Mannes zu seiner Frau sowie zu zwei Dingen, mit denen er noch länger verheiratet ist: dem Kino und der Kommunistischen Partei.
Um all das auf die große Leinwand zu bringen, zieht Nanni Moretti alle Register. Schwerelos wechselt er zwischen der Realität, Träumen und Erinnerungen hin und her, baut Gesangs- und Tanzeinlagen ein – und erfüllt sich bzw. seinem Alter Ego ganz nebenbei den lange gehegten Wunsch, einen Film mit alten italienischen Schlagern in die Tat umzusetzen. Dass das nicht so bedeutungsschwanger und visuell betörend wie bei Fellini ist, liegt auf der Hand. Zum einen würde das nicht zu Morettis nüchternem Stil passen und zum anderen macht sein jüngeres Ich in einer Sequenz, die in einem Kinosaal spielt, unmissverständlich klar, was es von Fellinis Œuvre hält.
Sprühender Witz und schallendes Gelächter
Szenen wie diese sorgen für Gelächter im Kinosaal, wie es Moretti überhaupt vortrefflich versteht, süffisante Seitenhiebe auszuteilen. Sein neuer Film sprüht vor Witz und ist spritzig gespielt. Vom halbseidenen französischen Filmproduzenten (großartig: Mathieu Amalric), der das Projekt an die Wand fährt, über die dummdreisten Entscheider bei Netflix, die von Filmkunst keinen blassen Schimmer haben, und die gutherzigen koreanischen Produzenten, die den Film retten, bis zum Regisseur und somit bis zu sich selbst bekommen bei Moretti alle ihr Fett weg.
Ein Vergleich mit rein dramatischen Filmen wie "Das Zimmer meines Sohnes" (2001), für den Moretti die Goldene Palme erhielt, fällt angesichts der behandelten Themen und völlig unterschiedlichen Tonlage schwer. Aber dennoch: "Il sol dell'avvenire" ist vielleicht Nanni Morettis bester Film, garantiert aber sein lustigster seit Jahren!
Fazit: Recht spät in seiner Karriere hat sich der Vollblutrömer Nanni Moretti dazu entscheiden, ein weiteres Mal seinen ganz persönlichen "8 ½" zu drehen und beweist damit, dass er auch mit 70 Jahren noch nicht zum alten Eisen gehört. "Das Beste liegt noch vor uns", eine Tragikomödie über das Filmgeschäft, die Ehe und die Liebe zum Kino und dem Kommunismus, sprüht vor Einfallsreichtum, Spielfreude und Witz. Vielleicht Morettis bester Film, garantiert aber sein lustigster seit Langem!
Was New York City für Woody Allen bedeutet, das verkörpert für Nanni Moretti Rom. Hier ist der 1953 als Giovanni Moretti geborene Italiener aufgewachsen, hier spielt der Großteil der von ihm selbst verfassten Filme. Wie bei Allen gerät auch bei Moretti die Metropole häufig zum heimlichen Hauptdarsteller. Und noch etwas anderes verbindet die beiden Regisseure, die im Verlauf ihrer langen Karrieren sowohl im komischen als auch im tragischen Fach reüssierten: ein selbstreflexiver Ansatz, der Autobiografisches mit Fiktionalem nahezu untrennbar miteinander vermischt und ein vom Regisseur gespieltes Alter Ego ins Zentrum der Handlung rückt. Woody Allen und Nanni Moretti legen sich in ihren Filmen auch immer ein Stück weit selbst auf die Couch. Im besten Fall springt eine urkomische Therapiestunde dabei heraus.
In Nanni Morettis jüngstem Film, der bereits aus dem Jahr 2023 stammt, also erst mit einiger Verspätung in die deutschen Kinos kommt, wird der Einfluss seines 18 Jahre älteren US-Kollegen besonders deutlich. Die Art und Weise, wie der von Moretti gespielte Regisseur namens Giovanni (!) als kommentierender Erzähler in Szenen aus seiner eigenen Vergangenheit in Erscheinung tritt, ist eine Verbeugung vor Woody Allens "Der Stadtneurotiker" (1977). Moretti kopiert das große Vorbild aber nicht bloß. Er spinnt die filmischen Querverweise weiter. Eine Szene, in der Giovanni am Set eines Kollegen Koryphäen aus den unterschiedlichsten Fachgebieten herbeizitiert, um die von ihm vorgetragenen Argumente zu untermauern, ist klar an die berühmte Szene zwischen Woody Allen und dem Medientheoretiker Marshall McLuhan aus besagtem "Stadtneurotiker" angelehnt, wird von Moretti allerdings so genüsslich auf die Spitze getrieben, das etwas völlig Eigenes daraus entsteht.
Mehr noch als von den Filmen Woody Allens ist "Das Beste liegt noch vor uns" aber von einem Meilenstein eines Landsmanns Morettis geprägt. Denn im zarten Alter von 70 Jahren hat sich Nanni Moretti dazu entscheiden, abermals seinen ganz persönlichen "Achteinhalb" (1963) zu drehen.
Kino, Kommunismus und der ganze Rest
Wenn es um Filme über verzweifelte Filmemacher geht, ist Federico Fellinis Klassiker nicht nur der Referenzpunkt schlechthin. Er hat auch unzählige vergleichbare Werke bekannter Regisseure beeinflusst: Rainer Werner Fassbinders "Warnung vor einer heiligen Nutte" (1971), François Truffauts "Die amerikanische Nacht", Bob Fosses "All That Jazz" (1979), Wim Wenders "Der Stand der Dinge" (1982) und in jüngerer Vergangenheit Pedro Almodóvars "Leid und Herrlichkeit" (2019). Mit "Stardust Memories" (1980) und "Goldene Träume" (1981) dürfen Woody Allen und Nanni Moretti in dieser Liste selbstredend nicht fehlen. Mehr als 40 Jahre später gesellt sich Moretti ein weiteres Mal hinzu – und bleibt seiner anderen großen Liebe (neben dem Kino und dem Wasserball) treu: der linken Politik.
Im italienischen Original heißt der Film "Il sol dell'avvenire", also "Die Sonne der Zukunft", was an einen der unzähligen Werbeslogans der Kommunistischen Partei im Nachkriegsitalien angelehnt ist. Denn darum, um die Partito Comunista Italiano (PCI) und ihre Reaktion auf den Ungarischen Volksaufstand, kreist der Film im Film. Das Drumherum, also die Szenen von den Dreharbeiten bis zum Privatleben des Regisseurs und seiner in der Branche beschäftigten Familie, erzählt ebenso einfallsreich wie amüsant von einem doppelten Verfall: dem der Filmindustrie und dem einer Ehe. Was "Das Beste liegt noch vor uns" wiederum gleich in dreifacher Hinsicht zu einem Liebesfilm macht. Denn es geht um die (Hass-)Liebe eines Mannes zu seiner Frau sowie zu zwei Dingen, mit denen er noch länger verheiratet ist: dem Kino und der Kommunistischen Partei.
Um all das auf die große Leinwand zu bringen, zieht Nanni Moretti alle Register. Schwerelos wechselt er zwischen der Realität, Träumen und Erinnerungen hin und her, baut Gesangs- und Tanzeinlagen ein – und erfüllt sich bzw. seinem Alter Ego ganz nebenbei den lange gehegten Wunsch, einen Film mit alten italienischen Schlagern in die Tat umzusetzen. Dass das nicht so bedeutungsschwanger und visuell betörend wie bei Fellini ist, liegt auf der Hand. Zum einen würde das nicht zu Morettis nüchternem Stil passen und zum anderen macht sein jüngeres Ich in einer Sequenz, die in einem Kinosaal spielt, unmissverständlich klar, was es von Fellinis Œuvre hält.
Sprühender Witz und schallendes Gelächter
Szenen wie diese sorgen für Gelächter im Kinosaal, wie es Moretti überhaupt vortrefflich versteht, süffisante Seitenhiebe auszuteilen. Sein neuer Film sprüht vor Witz und ist spritzig gespielt. Vom halbseidenen französischen Filmproduzenten (großartig: Mathieu Amalric), der das Projekt an die Wand fährt, über die dummdreisten Entscheider bei Netflix, die von Filmkunst keinen blassen Schimmer haben, und die gutherzigen koreanischen Produzenten, die den Film retten, bis zum Regisseur und somit bis zu sich selbst bekommen bei Moretti alle ihr Fett weg.
Ein Vergleich mit rein dramatischen Filmen wie "Das Zimmer meines Sohnes" (2001), für den Moretti die Goldene Palme erhielt, fällt angesichts der behandelten Themen und völlig unterschiedlichen Tonlage schwer. Aber dennoch: "Il sol dell'avvenire" ist vielleicht Nanni Morettis bester Film, garantiert aber sein lustigster seit Jahren!
Fazit: Recht spät in seiner Karriere hat sich der Vollblutrömer Nanni Moretti dazu entscheiden, ein weiteres Mal seinen ganz persönlichen "8 ½" zu drehen und beweist damit, dass er auch mit 70 Jahren noch nicht zum alten Eisen gehört. "Das Beste liegt noch vor uns", eine Tragikomödie über das Filmgeschäft, die Ehe und die Liebe zum Kino und dem Kommunismus, sprüht vor Einfallsreichtum, Spielfreude und Witz. Vielleicht Morettis bester Film, garantiert aber sein lustigster seit Langem!
Falk Straub
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Besetzung & Crew von "Das Beste liegt noch vor uns"
Land: ItalienJahr: 2023
Genre: Drama, Komödie, Tragikomödie
Originaltitel: Il sol dell'avvenire
Kinostart: 12.02.2026
Regie: Nanni Moretti
Darsteller: Nanni Moretti als Giovanni, Margherita Buy als Paola, Silvio Orlando als Ennio / Silvio, Barbora Bobulova als Vera / Barbora, Mathieu Amalric als Pierre Cambou
Kamera: Michele D'Attanasio
Verleih: Prokino





