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Inception - Hauptplakat
Inception - Hauptplakat
© Warner Bros

Kritik: Inception (2009)


Neben dem "Titanic"- und "Avatar"-Schöpfer James Cameron gilt Christopher Nolan, welcher der "Batman"-Saga zu neuem Glanz verhalf, als der Blockbuster-Regisseur, der mit am stimmungsvollsten großes Effektkino zu inszenieren weiß. Bevor seine geplante Trilogie um den düsteren Beschützer Gothams zum lang ersehnten Finale schreitet, beschert Nolan mit "Inception" eine Mischung aus Mystery-, Psycho-, und Action-Thriller, welche den Zuschauer in die verborgenen Tiefen des Unterbewusstseins entführt.

Leonardo DiCaprio alias Cobb spielt einen Wirtschaftsspion, der, anders als seine Kollegen, nicht in Konzernbüros oder Industriellenvillen einbricht, um an die begehrten Informationen zu gelangen. Sein Ziel ist der menschliche Geist. Er konstruiert Träume für die Firmenbosse, die diese für ihre eigenen halten und projiziert sich anschließend dort hinein, um den Schlummernden die Informationen im Schlaf zu entlocken. Um solche lukrativen Jobs zu erledigen, bedarf es aber nicht nur einer Menge an Hitech-Spielereien, sondern auch eines perfekt eingespielten Teams.

Als der milliardenschwere Yakuzza-Boss Saito (Ken Watanabe), der kurz zuvor von Cobb gelinkt wurde, ihm ein besonderes Angebot unterbreitet, dass es Cobb ermöglichen würde, einen lang gehegten Traum Wirklichkeit werden zu lassen, kann dieser nicht widerstehen. Mit einem Team aus Spezialisten entwirft er die Architektur eines mehrschichtigen Traumes für einen bedeutenden Industriellensohn, um diesen dazu zu bewegen, das Vermächtnis seines Vaters nicht fortzuführen. Einmal im Kopf des steinreichen Erben, wird dieser Trip aber zu einem äußerst verzwickten und lebensgefährlichen Job. Im Unterbewusstsein dieses Mannes lauert nicht nur eine Privatarmee an Beschützern, Cobb schleppt selber ein Trauma mit sich herum, dass zur aktiven Komponente wird und alles zunichte zu machen droht.

Nolan scheint seinen Lieblingscast gefunden zu haben. Wer "Batman Beginns" und "The Dark Knight" gesehen hat, wird eine Menge Gesichter wieder erkennen, wie Michael Caine (Alfred, der Butler) oder Cillian Murphy (Scarecrow, die Vogelscheuche). Auch im punkto musikalischer Unterlegung, Bildästhetik und dem grundlegenden atmosphärischen Flair bleibt er sich treu. In "Inception", der visionär und voll von Schöpfungskraft anmutet, werden regelrecht Welten erschaffen. Dafür reizt Nolan das technisch Machbare deutlich aus, ohne gleich ganze Planeten im Computer zu generieren, wie zuletzt James Cameron.

Völlig neu ist das alles allerdings nicht. Das Motiv des luciden (entworfenen und gesteuerten) Traums gab es schon in "Vanilla Sky", der selbst ein Remake des spanischen Originals "Open your Eyes" ist. Das Thema der konstruierten Realität ist darüber hinaus wahrscheinlich ebenso alt wie das Kino selbst und im Grunde nur eine Variation des Virtual-Reality-Gedanken wie er vor einigen Jahren in "Matrix" umgesetzt wurde. Aufgewertet werden diese Elemente durch die Ineinanderverschachtelung mehrerer künstlicher Ebenen, doch auch das gab es bereits bei David Cronenbergs genialischem Scifi-Streifen "eXistenZ". Und die Kreation ganzer Stadtarchitekturen aus dem Nichts heraus, ist seit dem hypnotischen Neonoir-Gothic-Thriller "Dark City" ebenfalls ein alter Hut.

Dass sich bei all diesen Vorlagen ungeniert bedient wird, ist offensichtlich, scheint der Begeisterung für Nolans neuen Film aber keinen Abbruch zu tun. Der Meister weiß überdies, dass er sich auf altbewährte Stärken seiner inszenatorischen Kunst verlassen kann: eine ambivalente, in sich zerrissene Heldenfigur, um etwas melodramatische Bedeutungsschwere hineinzubefördern; eine Reihe guter Schauspieler, um auch die Nebenparts authentisch besetzen zu können; ein eingängiger Hanz-Zimmer-Score, der vor Pathos überquillt und jede übertrieben intellektuelle Sinnsuche aus dem Oberstübchen bläst; magische Bilder und außergewöhnliche perspektivische Momente, die zuweilen den Atem stocken lassen und natürlich eine satte Portion Action. Doch selbst die erinnert zuweilen an Klassiker wie "Heat" oder "Bourne"/"Bond"-Movies

Genauso werden aber Kulthits geboren. Handwerklich geschickt miteinander vermischt, entsteht aus diesen Komponenten ein surreal anmutender Trip, der mit seinem visuellen Neureiz den Zuschauer für zweieinhalb Stunden aus dem Begrenzungen der Realität herauszureißen vermag, Und ist schlussendlich Kino nicht genau für diese Bigger-than-Reality-Erfahrung erschaffen worden?

Gelingt es aber für einen Moment die innere Handbremse bei Nolans Stakkatotheater zu ziehen, stellt man unweigerlich fest, dass im Grunde alles reichlich aufgebläht wurde und es erzählerisch nahezu egal ist, auf welcher Ebene sich gerade welche Filmfigur befindet. Seine Grundspannung erhält "Inception" schlichtweg aus fortwährenden Täuschungsmanövern, deren Ziel der Zuschauer selbst ist und der Frage, was überhaupt noch als real angesehen werden kann. Zudem erlebt man einen DiCaprio, der eigentlich vom Typ her etwas zu schwerfällig für einen "Bourne"-Klon ist, und das Trauma, dass er in "Inception" mitschleppt, lässt ihn seine Rolle aus "Shutter Island", seinem letzten Film, gewissermaßen weiterspielen.

Fazit: "Inception" ist inszenatorisch brillantes Effekttheater und genau der richtige Film, wenn man sich halbanspruchsvoll berieseln lassen möchte, ohne die Notwendigkeit verspüren zu müssen, den Denkapparat ganz ein-, noch ganz auszuschalten. Stimmung, Bilder und der gute Cast tragen die Story, die von der Grundkonzeption her sehr originell erscheint, sich aber weder offensichtlicher Anleihen erwehren kann, noch logikfehlerimmun ist.




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