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Kritik: X-Men - Der Film (2000)


Comics sind die halbe Miete: Mehr als 50 Mio. Dollar spielte Bryan Singers Marvel-Comic-Adaption der heldenhaften "X-Men" in den USA bereits am ersten Wochenende ein. So etwas nennt man eine treue Fan-Gemeinde!

Patrick Stewart und Ian McKellen füllen ihre (Vater-)Rollen routiniert und theatralisch aus, und Filmemacher Bryan Singer ("Die üblichen Verdächtigen") nimmt die ganze Sache richtig ernst – etwas zu ernst vielleicht für jene, die die Comics nie gelesen haben.

"X-Men – der Film" ist ohnehin jene berühmte Eier legende Wollmilchsau, die jedem etwas bieten will: den Fans die Werktreue und den Respekt vor den Figuren von Stan Lee, den Kids eine geballte Ladung Action, den Reiferen die etwas langatmige Einführung der Charaktere sowie den Intellektuellen viele Anspielungen an die McCarthy-Ära. Und Altmeister Ian McKellen spielt einen jüdischen KZ-Überlebenden, der die Mutantenrasse für die bessere hält.

"X-Men" – mehr als nur ein Fan-Artikel: Der souverän gemachte Film wird sich als Selbstläufer erweisen und auch bei uns die Massen in die Kinos locken. Die Macher haben das von vornherein gewusst: Zwei Sequels sind bereits in Planung.

Rico Pfirstinger

Gehen wir einen Moment lang zurück an den Monitor, bevor wir die Weiten der Kinoleinwand betrachten. Und nun bewegen wir uns noch einen Schritt weiter nach hinten, vor den Fernseher, an dem eine Spielekonsole angeschlossen ist. Das richtige Modul geladen, befinden wir uns auf einer Kampfarena. Eine patzige Stimme stellt uns zwei Kontrahenten vor, die daraufhin in einer schönen Animation ihre Spezialfähigkeiten vorstellen. Erst danach hört man ein befehlendes "Fight!" und schon stürzen sie sich aufeinander, filigran ihre übermenschlichen Möglichkeiten ausnutzend.

Jetzt aber zurück zum Subject Matter: Dem Kino und dabei dem Film "X-Men". Hier befinden wir uns in den tiefsten Tiefen der gleichnamigen Comic-Serie von Marvel, die eine Welt, ein wenig in der Zukunft von uns angesiedelt, präsentiert. Hier stehen die Menschen kurz vor dem nächsten Schritt der Evolution. Die ersten sind ihn schon gegangen, sie leben als Mutanten mit unglaublichen Fähigkeiten, was den meisten Normalbürgern Angst macht. Im Film sorgt dies in den USA dafür, dass der konservative Senator Kelly (Bruce Davison) ungeheuer an Popularität gewinnt, als er verlangt, dass sich Mutanten registrieren lassen müssen. Einer der stärksten Mutanten, Magneto (Ian McKellen), hat dies schon einmal erlebt: Als Jude unter den Nazis. Dementsprechend hart reagiert er: Sein Plan ist es, gegen die Menschen zu kämpfen, um den Stärkeren den Weg zu ebnen. Dagegen steht der weise Professor Xavier (Patrick Steward), der eine Schule für die Mutanten leitet, damit sie ihre Fähigkeiten kanalisieren lernen. Er setzt sich mit seinen X-Men, einer Gruppe starker Mutanten, für die Menschen ein. Ein Mutant namens Wolverine (kraftvoll: Hugh Jackman), der als einsamer Wolf durch Kanada zog und sich um eine junge, durch ihre Kräfte verängstigte Mutantin kümmerte, kommt nun zwischen diese beiden Fronten. Er scheint eine Schlüsselfigur zu sein, denn den X-Men gelang es nur um Haaresbreite, die Beiden vor den Fängen Magnetos zu retten...

So lautet die Story zu einem Film, der sich um so etwas kaum kümmert. Brian Singer gelang es mit "X-Men" einen Film zu drehen, der vollkommen ohne spannende Geschichte auszukommen vermag. Der Film scheint ein langgezogenes Intro zu sein, in dem alle X-Men mit ihren Sonderfähigkeiten (im Computerjargon auch Skills genannt) genug Platz bekommen, um sich vorzustellen. Dennoch wird er selten wirklich langweilig. Singer versteht es immer neue Regie-Gimmicks einzusetzen, ohne dabei aber jemals ein ansprechendes Grunddesign außer Acht zu lassen, dass nicht von ungefähr an "Matrix" erinnert. Dieser letztjährige Film hatte nämlich dieselbe Vorlage, wenn auch nicht so explizit. Da, wo "Matrix" seine visuellen Ideen herholte, aus der amerikanischen Comic-Szene, nehmen Marvels "X-Men" einen recht hohen Rang ein.

Dementsprechend scheint auch der Singer-Film sehr nah an seiner Vorlage zu bleiben (wo die entsprechenden Fähigkeiten der X-Men teilweise auch auf seitengroßen Bildern zelebriert werden). Gleichzeitig scheint Brian Singer, der immerhin mit "Die üblichen Verdächtigen" einen mehrfach preisgekrönten Film gedreht hat, der vor allem durch seine grandiose Erzählstruktur gefallen konnte, auch bei dem eher im Underground arbeitenden Regisseur Sam Raimi ("Tanz der Teufel" 1-3, "Schneller als der Tod") gelernt zu haben. Der ist sonst wohl der einzige Regisseur, der bisher auch ohne Story atemberaubende, da virtuos inszenierte Filme herbeizaubert hat.

Dennoch bleibt bei all dem Spaß und den klug eingesetzten, dabei aber leider nicht immer überzeugend gestalteten Effekten ein bitterer Beigeschmack. "X-Men" lief, wenn man den Showbiz-Gerüchten Glauben schenken mag, ehemals knapp 130 Minuten, bevor er auf die jetzt knackigen 95 heruntergeschnitten wurde. Branchenblatt "Variety", das jeden Film aus Hollywood als erstes zu sehen bekommt, druckte seine Lauflänge immerhin noch um 13 Minuten länger aus. Dabei entsteht der Verdacht, dass gerade die Story der Schere zum Opfer fiel, denn von ihr ist selten wirklich etwas zu spüren. Zum Glück schadet das dem Rhythmus des Filmes kaum. Vor allem die Kampfszenen sind noch immer herausragend geschnitten, von der MTV-Masche anderer Blockbuster ist, wie bei "Matrix", kaum etwas zu spüren. Außerdem steht wohl recht unausweichlich ein zweiter Teil an. Dann sind die Figuren ja schon vorgestellt. Vielleicht folgen deshalb ein paar Storyhäppchen vom Schneidetisch. Zu hoffen wäre es, denn so könnte sich daraus eine erste wirklich gute Serie an Comic-Umsetzungen herauskristallisieren.





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