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Kritik: Was ihr wollt (1996)


Das ist Shakespeare, wie er leibt(e) und lebt(e). In der filmischen Adaption seines Theaterstücks fängt alles mit einer falschen Annahme an und endet in einem fast undurchschaubaren Verwirrspiel aus kleinen Betrügereien und großen Gefühlen, aus minimalen Fehltritten und einem Höchstmaß an Tolpatschigkeit, aus offensichtlicher Verstellung und perfekter Täuschung. Und nicht zu vergessen, eine Frau liebt eine Frau. Doch hier geht es nicht um homosexuelle Neigungen im 16. Jahrhundert, sondern eine der weiblichen Seelen muß sich gezwungenermaßen als Mann ausgeben, um damit in die Dienste eines Herzogs treten zu können. Darüberhinaus treibt noch ein musikalisch begabter Vagabund sein Unwesen, Handschriften werden gefälscht, Intrigen gesponnen und zwei Angsthasen zur duellierenden Mutprobe aufgehetzt.

Alles klar? Sicherlich nicht, denn so konfus sich das alles anhört, so verwirrt verfolgen wir auch die ersten 60 von 133 Minuten, bis wir uns allmählich im Irrgarten Illyrien zurechtfinden. Aber dann dürfen wir uns einen Spaß daraus machen, die um Liebesglück und Lebensmut ringenden Marionetten mit einem Lächeln auf den Lippen zu beobachten, denn hinter allem steckt glücklicherweise noch eine höhere, wohlgesonne Macht, die die verworrenen Fäden langsam wieder auseinanderwickelt.

Bei dem derzeitigen Revival von Shakespeare-Verfilmungen dürfte "Was Ihr wollt" leider etwas untergehen, was aber sicherlich nicht an der Qualität des Werks liegt. Das komödiantische
Verwirrspiel bietet zwar keine aufstrebenden Jungstars wie in "Romeo und Julia", besticht aber dennoch mit einer Garde grandioser Schauspieler. Vor allem die noch relativ unbekannte Imogen Stubbs beeindruckt mit ihrem herausragenden und süffisanten Geschlechterwechsel und versteht es, kokett mit dem männlichen Erfahrungsspiel umzugehen. Auch kann "Was Ihr wollt" leider nicht mit einem 20.-Jahrhundert-Update aufwarten. Doch müssen alle Klassiker zeitgerecht aufgemöbelt werden, damit auch der Videoclip-geschädigte Mensch vor der Jahrtausendwende beindruckt im Kinosessel sein Popcorn vergißt?

Shakespeare-Stoffe sind zeitlos, und es ist immer wieder reizvoll zu sehen, daß es den Menschen vergangener Zeiten auch nicht anders ging als uns. Liebeskummer und heimliche Verehrung, Versteckspiele und nicht enden wollendes Leid gab es vermutlich schon bei den Neandertalern. Doch "Was Ihr wollt" demonstriert uns in Kostümen und vor mittelalterlichem Ambiente, daß eigentlich doch nicht alles so schlimm und hoffnungslos ist.

Trevor Nunns Theateradaption ist ein Beitrag zu "positiv denken" und "schöner leben" und beweist, daß
auch heute ein Happy-End entzücken und rühren kann. So bleibt zum Schluß die Empfehlung an alle "Viel Lärm um nichts"-Fans, sich auf einen zwar nicht ganz so farbigen, aber dennoch schillernden Nachkommen zu freuen.





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