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Kritik: Rum Diary (2011)


Schon einmal hat Johnny Depp ein fiktives Alter Ego des amerikanischen Gonzo-Journalisten Hunter S. Thompson gespielt: In Terry Gilliams Adaption von "Fear and Loathing in Las Vegas" war er Raoul Duke, Erzähler und Figur vieler Thompsons Geschichten. Nun kehrt Johnny Depp in einer weiteren Thompson-Verfilmung auf die Leinwand zurück und spielt den Journalisten Paul Kemp – ebenfalls ein Alter Ego des Autors – in Bruce Robinsons Verfilmung von "The Rum Diary".

Der Film beginnt mit Paul Kemps Ankunft in Puerto Rico. Ein Flugzeug ist an einem strahlend blauen Himmel zu sehen – und Kemp erwacht verkatert in seinem Hotelzimmer. Es ist sein erster Arbeitstag auf der Insel, fortan wird er für den San Juan Star arbeitet – eine amerikanische Zeitung für Amerikaner. Daher wünscht Chefredakteur Lotterman (Richard Jenkins) ausschließlich Artikel, die Touristen anlocken und Urlauber unterhalten. Also schreibt Kemp Horoskope, berichtet von Erfolgen beim Bowling und lässt sich durch den Tag treiben. Eines Abends begegnet er der schönen Chenault (Amber Heard) und verliebt sich in sie. Sie ist die Freundin des jovialen Sanderson (Aaron Eckart), der mit Immobilienspekulationen reich geworden ist. Sanderson sieht in Puerto Rico eine nicht versiegende Geldquelle – und will Kemp an einem Geschäft beteiligen, damit er mit positiven Artikeln die öffentliche Stimmung beeinflusst. Aber Kemp hat längst die Schattenseiten des vermeintlichen Paradieses gesehen und allmählich gärt der Revolutionär in ihm. Er will auf die Missstände aufmerksam machen, aber sein Chef winkt ab und sogar sein desillusionierter Kollege, Mitbewohner und Trinkkumpan Sala (Michael Rispoli) versucht ihm klar zu machen, dass er die Dinge nicht ändern wird. Und abgesehen davon scheint Kemp auch einfach zu betrunken zu sein, um sein Vorhaben umzusetzen.

Mit einer eindrucksvollen Ausstattung und perfekt abgestimmter Kleidung gelingt es Terry Gilliam und seinem Produktionsdesigner Chris Seagers (Kostüme: Colleen Atwood) die 1960er Jahre in Puerto Rico lebendig werden zu lassen. Die fiebrige Atmosphäre und die Gegensätze zwischen amerikanischen Touristen und Einheimischen werden in tollen Bildern vom Kameramann Dariusz Wolksi eingefangen. Dadurch entführt der Film schon in der Anfangssequenz mühelos in eine vergangene Zeit, zumal er auch auf 16mm gedreht wurde. Schön anzusehen ist "The Rum Diary" fraglos. Allerdings schwankt das Drehbuch insgesamt zu sehr zwischen Kapitalismuskritik und Komödie. Auf der einen Seite kritisiert Kemp den Ausverkauf auf Puerto Rico, auch die Gewinntreibenden sind durchweg unsympathisch, aber auf der anderen Seite lockern komische Einlagen und Kemps Romanze mit Chenault diese ernsten Töne auf. Auch Giovanni Ribisi als stets betrunkener und gescheiterter Journalist Moburg wird zu einer komischen Figur, über die aber letztlich nicht gelacht werden kann. Daher ist "The Rum Diary" weder ein lustiger noch ein kritischer Film, sondern das Fehlen eines eigenen Tons macht sich mit zunehmender Laufdauer immer bemerkbarer. Dadurch gelingt es Regisseur und Drehbuchautor Bruce Robinson nicht vollends, die fiebrige Atmosphäre des Buches auf die Leinwand zu adaptieren.

Fazit: "The Rum Diary" ist ein makelloser ausgestatteter und gut gespielter Film, dessen Geschichte zu sehr zwischen Kapitalismuskritik und Komödie schwankt.




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