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Kritik: Foxcatcher (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

An der Seite seines älteren Bruders Dave (Mark Ruffalo) hat Mark Schultz (Channing Tatum) die Goldmedaille im Ringen bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles gewonnen, nun fristet er wieder sein eintöniges Dasein im Mittleren Westen der USA. Er wohnt in einer kleinen Wohnung, trainiert jeden Tag und schlägt ansonsten die Zeit tot. Seit frühester Kindheit hat sich bei ihm alles um das Ringen gedreht – und stets war er mit Dave zusammen, der seit der Vater die Familie verlassen hat sein Bruder, bester Freund, Trainingspartner und Mentor ist. Doch nun hat Dave eine eigene Familie, die bei ihm höchste Priorität hat.

Mark hat seinem Bruder alles zu verdanken, aber er stand auch stets in Daves Schatten und ist es nicht gewohnt, eigene Entscheidungen zu treffen. Dann erhält er ein Angebot des exzentrischen Multimillionärs John du Pont (Steve Carell): Auf seinem Anwesen in Pennsylvania hat er eine eigene Ringhalle errichtet und will sein Foxcatcher-Team zum US-Ringteam machen. Deshalb sollen Mark und Dave dort trainieren. Mark lässt sich schnell überzeugen, Dave bleibt skeptisch und will seine Familie nicht aus dem gewohnten Umfeld reißen. Deshalb trennen sich erstmals die Wege der Brüder.

Für Mark bietet das Leben bei John du Pont die Möglichkeit, sich von seinem Bruder zu lösen und auf eigenen Beinen zu stehen. Der Wunsch nach Eigenständigkeit verbindet ihn schnell mit dem exzentrischen John du Pont, der sich ebenfalls von einem dominanten Familienmitglied – seiner Mutter (Vanessa Redgrave) – lösen will. Beide sehnen sich nach Anerkennung und Unabhängigkeit. Deshalb hat sich du Pont – Vogelkenner, Briefmarkensammler und Menschenfreund – in den Kopf gesetzt, ein erfolgreiches Ringteam aufzubauen, und Mark ist ein Baustein seines Erfolges. Also ermuntert er Mark, überträgt ihm gesellschaftliche Aufgaben, trainiert mit ihm und genießt offensichtlich den körperlichen Kontakt beim Ringen. Mark ignoriert hingegen die seltsamen Reden Johns, sein mitunter merkwürdiges Verhalten und lebt zusehends auf. Dann lässt er sich jedoch von John zum Koksen überreden – und strudelt zusehends dem Abgrund entgegen.

In naturalistischen Farben mit gut gesetzten Schnitten erzählt Bennett Miller ("Moneyball") in seinem Film von einer tragischen Beziehung zwischen drei Männern. Dabei überzeugen alle drei Schauspieler in ihren jeweiligen Rollen: Channing Tatum ist – abermals nach "Magic Mike" – ein etwas einfacher junger Mann, der insbesondere auf seine Körperlichkeit setzt. Gerade in den Szenen, in denen er beim Ringen zu sehen ist, beeindruckt die Leichtigkeit und Natürlichkeit seiner Bewegungen. Steve Carrell ist dank der Nasenprothese kaum zu erkennen und legt John du Pont mit einer gut dosierten Mischung aus Exzentrik, Einsamkeit und Skrupellosigkeit an. Dadurch schimmert stets eine Bösartigkeit durch, zudem lässt sich mühelos erahnen, wie sein bisherigen Leben war. Vor allem in den Szenen, in denen John du Pont den Ringern einfachste Anweisungen gibt, um seine Mutter zu beeindrucken, wird schmerzlich deutlich, wie sehr er Anerkennung braucht. Und schließlich spielt Mark Ruffalo einen Mann, der alles richtig machen will, mit gewohnter Unauffälligkeit. Er ist die zugänglichste Figur des Films und hinterlässt in wenigen Szenen viel Eindruck.

Hervorzuheben ist zudem die Musik, die nur äußerst spärlich eingesetzt ist, aber die Handlung zu unterstreichen als auch zu konterkarieren weiß. Dabei verzichtet Bennett Miller auch in den Szenen des Erfolgs auf das typische Pathos eines US-Sportfilms. Emotionen entfaltet der Film nur in den Szenen, in denen die Männer beim Ringen zu sehen sind. Hier wird eine Leichtigkeit vermittelt, aber auch eine körperliche Nähe zwischen den Kämpfern, die eine besondere Beziehung entstehen lässt. Ansonsten braucht man aber bei dem Film vor allem ein wenig Geduld, damit sich die komplexen Psychogramme der Charaktere auf der Leinwand und letztlich auch die Dramatik der Handlung entfalten kann.

In den USA wird "Foxcatcher" aufgrund der nüchternen Inszenierung bereits als Neuerfindung des Sportdramas gefeiert, hierzulande wird die Rezeption etwas ruhiger ausfallen. Denn letztlich ist weder Ringen ein besonders populärer Sport, noch ist die zugrundeliegende wahre Geschichte sonderlich bekannt. In den USA sind die Schultz-Brüder hingegen äußerst populär.

Fazit: "Foxcatcher" ist ein nüchternes Ringer-Drama mit guten Schauspielern, bewusst zurückhaltend inszeniert.





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