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Die Irre Heldentour des Billy Lynn
Die Irre Heldentour des Billy Lynn
© Sony Pictures

Kritik: Die Irre Heldentour des Billy Lynn (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Es sei seltsam, für den schlimmsten Tag im Leben als Held gefeiert zu werden. Dieser Satz, der dem Protagonisten in Ang Lees Romanadaption irgendwann über die Lippen kommt, bringt seine innere Zerrissenheit und die bizarre Situation, in der er sich befindet, wunderbar auf den Punkt. Nach einem dramatischen Gefecht im Irak, das teilweise gefilmt wurde, erfährt der 19-jährige US-Soldat Billy Lynn (Joe Alwyn) in seiner Heimat unerwartet große Anerkennung. Um Stärke und Tapferkeit der Armee zu feiern, werden er und seine Kameraden auf eine Werbetour quer durch die Vereinigten Staaten geschickt, die ihren Abschluss bei einem Football-Spiel in Dallas findet. Eine patriotisch aufgeladene Veranstaltung, in deren Verlauf Billys aufgewühltes Seelenleben in den Blick gerät.

Donnernde Geräusche – etwa während der pompös zelebrierten Halbzeitshow – lassen den jungen Mann und einige Mitstreiter zusammenzucken. Wecken Erinnerungen an das brisante Wirken im Nahen Osten, das uns Lee in gestochen scharfen Rückblenden vor Augen führt. Mehrmals tauchen wir in das Erleben der Hauptfigur ein und erfahren aus nächster Nähe, wie sehr die Arbeit im Kriegsgebiet die Nerven der Soldaten strapaziert. Konkret thematisiert wird das Krankheitsbild der posttraumatischen Belastungsstörung von Billys Schwester Kathryn (Kristen Stewart), die ihren Bruder überzeugen möchte, sich psychologische Hilfe zu suchen und nicht in den Irak zurückzugehen. Auch wenn Stewart verhältnismäßig wenig Leinwandzeit bekommt, entwickeln die Szenen, in denen ihre Figur mit dem Protagonisten zu sehen ist, eine enorme emotionale Kraft. Angst und Sorge um Billys Wohlergehen kommen ebenso stark zum Ausdruck wie Kathryns Vorbehalte gegen das zermürbende Kriegstreiben der Amerikaner.

Daneben beleuchtet "Die irre Heldentour des Billy Lynn" auch die teilweise unreflektierte Verehrung der Soldatentruppe und die schamlose Vereinnahmung, mit der die wie Maskottchen ausgestellten Irak-Kämpfer auf ihrer Promotionstour konfrontiert werden. Beispielhaft ist das selbstgefällige Auftreten des Football-Club-Besitzers Norm Oglesby (markant: Steve Martin), der einen Hollywood-Film über die heroische Geschichte der Elite-Einheit finanzieren möchte. Alle möglichen Menschen, denen Billy und seine Kameraden im VIP-Bereich des Stadions begegnen, wollen die Bekanntheit der Soldaten für ihre Zwecke nutzen, interessieren sich aber keinen Deut für dreckige Kriegswahrheiten oder das Empfinden der jungen Männer.

Immer mal wieder legt Oscar-Preisträger Ang Lee ("Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger") den Finger in die Wunde. Allzu tief bohren kann er jedoch nicht, da sich die Stimmungen fortlaufend verschieben. Grüblerische Momente werden von heiteren, verspielten Augenblicken abgelöst, woraufhin das Geschehen wieder ins Introspektiv-Dramatische übergeht. Ein ständiges Wechselspiel, das die Unsicherheit des Titelhelden spiegelt, aus dramaturgischer Sicht aber arg unausgereift erscheint. Ein wenig forciert wirkt nicht zuletzt die Romanze zwischen Billy und der Cheerleaderin Faison (Makenzie Leigh), die keinen besonders großen Entfaltungsraum bekommt. Nimmt man das übertrieben pathetische Ende hinzu, steht unter dem Strich ein satirisch aufgeladenes Drama, das spürbar Probleme hat, starke Einzelszenen zu einem überzeugenden Gesamtbild zusammenzufügen.

Fazit: Ang Lee reißt mit seinem Kriegsdrama "Die irre Heldentour des Billy Lynn" spannende Themen und Aspekte an, bleibt aufgrund ständiger Tonschwankungen aber eine ernsthafte Vertiefung schuldig.





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