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Kritik: Toy Story 2 (1999)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Fortsetzung schlägt zurück
Es gibt wenige Fortsetzungen, die dem Original das Wasser reichen können. Nur sehr wenige, zu diesen zählen sich so illustre Namen wie "Der Pate-Teil 2" oder "Das Imperium schlägt zurück", erreichen auch wirklich ein Niveau, dass es schwer macht, überhaupt noch von einer einfachen Fortsetzung zu sprechen. Zu diesen kann sich – meiner Meinung nach - auch das neuste Werk von John Lasseter zählen: "Toy Story 2".
Nur wenige Filme bedachten die Kinolandschaft so einschneidend mit Neuem, wie es 1995 "Toy Story" tat. Der 77minütige Film war das erste abendfüllende Animationsabenteuer, welches ganz und gar am Computer entstand. Neben dieser technischen Innovation war "Toy Story" aber auch ein wundervoller Film, der mehr als alle anderen Animationen unter dem Label "Disney" in dieser Zeit ganz und gar auf Kinder zugeschnitten war, den Eltern aber auch einen geradezu entwaffnenden Charme entgegenbrachte. Nach dem letztjährigen "Das große Krabbeln", der in jeder nur erdenklichen Weise weite Fortschritte vorzuweisen hatte, ist "Toy Story 2" nun der dritte abendfüllende Film des kleinen Computer-Studios Pixar, welches unter der Leitung von John Lasseter steht.
Auffällig ist, dass die Geschichte die Kenntnis der Charaktere voraussetzt. Wie bei der ersten "Star Wars"-Fortsetzung "Das Imperium schlägt zurück" wird hier der Faden einfach weitergesponnen, wobei der Film an Geschwindigkeit und die Figuren weitaus mehr an Tiefe gewinnen. Passenderweise ist diese Klassiker-Reihe schon im ersten Teil als "geliehene" Hintergrund-Story für Buzz Lightyear präsent gewesen, was im neuen Film breit ausgeweitet wird.
Zur Geschichte: Die beiden Helden aus "Toy Story", Cowboy-Puppe Woody und Action-Allstar Captain Buzz Lightyear, sind inzwischen gute Freunde geworden, die das Spielzeug aus Andys Kinderzimmer in Harmonie zusammenhalten. Dann aber kommt der große Tag, an dem in der Straße ein Flohmarkt stattfindet. Woody, der ein paar Tage zuvor seinen Stoff aufgerissen bekam, hat nun Angst, entrümpelt zu werden. Es kommt aber ganz anders: Ein älteres Spielzeug, ein Pinguin, kommt in die traurige Lage, feilgeboten zu werden, und nur durch eine waghalsige Rettungaktion Woodys kann er noch gerettet werden. Dabei wird aber Woody von dem Spielzeugverkäufer Al entführt, der ihn als Prunkstück seiner Sammlung an ein japanisches Museum verkaufen will. Woody war nämlich früher ein ähnlicher Star, wie es nun Buzz Lightyear ist.
Als ein Rettungkommando in Als Appartment eintrifft, um Woody wieder zurückzubringen, hat dieser schon neue Freunde gewonnen, das Cowgirl Jessie und den alten Goldgräber Stinke-Piet, und will diese nicht mehr verlassen. Denn eines hat ihm seine neue Freundin klar gemacht: Wenn sein Besitzer Andy einmal erwachsen wird, landet er unbeachtet auf dem Müll. Das Museum ist dagegen eine Aufgabe für die Ewigkeit. Woody steht also vor einer schweren Entscheidung.
Was "Toy Story 2" so interessant macht, ist die viel weiter entwickelte Konstellation der Spielzeuge. Woody wird zu einem ausrangierten Altstar, aber dadurch auch zu einem Sammlerobjekt, welches "nicht in Kinderhände gehört". Buzz dagegen muss sich im riesigen Spielzeugdiscount von Entführer Al einer ganzen Horde Lightyears entgegenstellen, die, wie einst er, noch immer denken, sie seien echte Space Rangers. So entstehen spannende und auch für Kinder nachvollziehbare Konflikte. Während Buzz sich der eigenen Massenvermarktung stellen muss, lernt Woody, dass seine Aufgabe eben irgendwann, wenn sein Besitzer erwachsen ist, zuende sein wird. Spielzeug lebt auch nicht ewig.
"Toy Story 2" ist ein Hochgenuss für all jene, die auch den ersten Teil mochten. Viele Aspekte aus dem Original werden weiterentwickelt, selbst der titeltragende Song erhält neue Facetten. Dabei wurde der charmante Ton gehalten, ebenso wie der entwaffnende Humor und die actiongeladene Regie. Auf technischer Ebene ist Teil 2 dem ersten natürlich schwer überlegen. An Detailreichtum ist er auch kaum zu toppen. Wer alle Gags beim ersten Mal mitbekommen will, sollte sich jedes Lachen bei diesem Feuerwerk auch an Hintergrundspäßen so gut wie möglich verkneifen. Das lenkt nämlich viel zu sehr ab.

Leider ist die Einbindung eines Liedes mitten in die Handlung ein Rückschritt. Wo beim ersten Teil Komponist Randy Newman noch selbst im Hintergrund sang, muss im neuen Film Jessie zu einer eher bemüht integrierten Musical-Einlage greifen. Auch hat die Geschichte nach den ersten furiosen Minuten erst einmal einen Durchhänger, der aber später mit umso mehr Pacing wieder gut gemacht wird. Dies alles – und die in der deutschen Version nicht gerade hervorragende Sängerin - kann den Spaß aber nur sehr wenig schmälern. Die tieferen Charaktere, die Kindern, wie zum Rückblick bereiten Erwachsenen so manchen Denkanstoß über die Tragik des Spielzeugs, vielleicht aber auch des Erwachsenwerdens selbst, mitgeben, die wunderbare Geschichte, die mit altersunabängigem Humor zum phantasievollen Spielen anregen will, und eine wunderbare Bilderwelt, die den Computereinsatz mehr als rechtfertigen, sind Entschädigung genug.

Ich bin immer wieder von Neuem erstaunt, wie unglaublich feinfühlig und menschlich die Geschichten wirken, die John Lasseter und sein Team aus den sterilen Rechenmaschinen herauszaubern. Momentan gibt es wohl keinen Kinderfilm aus den USA, der die Gedankenwelt der Kleinen so ernst nimmt, wie es "Toy Story 2" und seine Vorgänger tun. Dass diese auch einen Erwachsenen süchtig machen können, kann ich nur wiederholen. Denn Woody und Buzz sind einem schon irgendwie ans Herz gewachsen. So ist es wohl wieder ein gepflegter Familienabend im Kino, für den aber dieses Mal eher Pixar, denn Disney bürgt. Von der großen Sucht erfasst schließe ich also ganz euphorisch: Mehr davon, "bis zur Unendlichkeit, und noch viel weiter!!!".

P.S.: Neben dem Erstlingswerk von Pixar als kurzen Vorfilm gibt es im Abspann wieder "Outtakes" zu bewundern, die wohl nach "Das große Krabbeln" zum Standard werden sollen.





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