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Sweeney Todd
Sweeney Todd
© 2007 Warner Bros. Ent.

Kritik: Sweeney Todd (2007)


Das nunmehr sechste gemeinsame Werk von Tim Burton und Johnny Depp wirkt fast wie ein bitterer Ringschluss mit dem ersten: Wie einst Edward Scissorhands (1990) haust der ebenfalls weißgesichtige, wirrhaarige Sweeney Todd auf einem Dachboden. Doch seine Unschuld hat er tatsächlich mit den Scherenhänden verloren: Stattdessen bedient er sich Rasiermessern, seinen "Freunden", um die Leute zu rasieren - und ihnen den Hals aufzuschlitzen.
Denn Todd ist von Rache besessen: Einst war er ein angesehener, freundlicher Barbier. Doch der mächtige Richter Turpin (Alan Rickman) warf ein Auge auf seine hübsche junge Frau, verurteilte ihn unter einem Vorwand und ließ in eine australische Strafkolonie verschiffen. Klar, dass Todd ein wenig ungehalten in seine Heimatstadt zurückkehrt. Dort tut er sich mit Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter), Bäckerin der miesesten Fleischpasteten (gefüllt mit Kakerlaken und Straßenkatzen) von London, zusammen. Sie ist ebenso von ihm besessen, wie er von seiner Rachegier. Gemeinsam beginnen die beiden verlorenen Seelen ein blutiges Geschäft... Depp kehrt als Todd in das viktorianische London "From Hell" zurück, das von Burton tatsächlich noch opulent-düsterer neu erschaffen wird. Der Look ist von expressionistischen Stummfilmen wie "Nosferatu" inspiriert: Grau in subtilsten Schattierungen, durch das Depp und Bonham-Carter mit talgigem Make-up und ausgeprägten Augenringen wandeln. Gesang und Spiel sind nicht theatralisch, wohl aber die Kulissen. Außerdem hat Burton Stephen Sondheims Musical (1979) für den Film gestrafft – einige Lieder fielen ganz weg, einige wurden gekürzt.
An "Tanz der Vampire" erinnert der animierte Vorspann, mit Sirup-artigen Blutstropfen. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass "Sweeney Todd" mit gängigen Musicals kaum etwas gemein hat, was alle, die den affektierten Gefühlen und Gesten dieses Genres nichts abgewinnen können, beruhigen dürfte. Nur die jungen Verliebten, der Matrose Anthony (Jamie Campbell Bowen) und Todds Tochter Johanna (Jayne Wisener, die einzige professionelle Sängerin der Besetzung), trällern als Gegensatz zu Todd und Mrs. Lovett haarscharf an der "Grease"-Grenze vorbei. Die zwei einzigen Gassenhauer-Anwärter des Musicals sind bitter-ironisch und voller überraschend kratziger Dissonanzen: Mit "A Little Priest" lassen Todd und Lovett sich über die geschmacklichen Qualitäten der respektablen Londoner aus, mit "By the Sea" zeigt Mrs. Lovett dann ihr Bedürfnis, selbst zur besseren Gesellschaft aufzusteigen - untermalt von fast schmerzhaft hellen, absurden Schnappschüssen einer bunten Zukunft in einem Seebad. Beide Schauspieler singen erstaunlich gut und überzeugend, wenn auch nicht perfekt. Was durchaus gewollt ist, schließlich sollten zwei Mordgesellen nicht klingen, als würden sie jede Sekunde in inbrünstige "Memories" ausbrechen. Und Sondheim selbst sind "singende Schauspieler lieber als spielende Sänger". Bewundernswert ist zudem, wie perfekt sich die Akteure lippensynchron zu ihren lange vorher aufgenommen Liedern bewegen. Depp scheint außerdem nach dem eher gequälten ersten Versuch mit "From Hell" und dem mehr oder weniger gelallten Akzent der drei "Fluch der Karibik"-Filme beim Singen sein Gefühl für das britische Englisch gefunden zu haben.
Ob seine Performance deshalb gleich Oscar-würdig ist, sei dahingestellt. Allerdings gibt seine Figur auch kaum Raum für emotionale Facetten: Sweeney Todd wird vom Schicksal gleich mehrfach verflucht. Dennoch wirkt gegen seinen völlig maßlosen Rachefeldzug sogar "Kill Bill" absolut plausibel. Seine wahllosen Morde entziehen sich jedem Verständnis, was der Faszination des Charakters allerdings keinen Abbruch tut. So brütet Depp den ganzen Film über finster vor sich hin, ohne einmal zu lachen. Und Mrs. Lovetts Anbetung nimmt er nicht nur nicht wahr, er sieht ihr auch fast nie in die Augen. Tatsächlich wirken die beiden mit ihren blassen, übernächtigten Gesichtern und struwweligen Haaren wie ein verschworen-verschrobenes Geschwisterpaar Die Figur der Mrs. Lovett ist mindestens ebenso tragisch wie Todd und vielleicht sogar die eigentliche Hauptperson. Mit Bonham-Carter ist sie genial besetzt – allen hämischen Lästerern zum Trotz, die sich darüber echauffierten, dass Burton mal wieder seine langjährige Partnerin besetzt. Der kleinen Engländerin mit den harten Zügen und Bambiaugen nimmt man die vordergründig patente Geschäftsfrau, deren Moral durch ihre obsessive Liebe immer mehr schwindet, ebenso ab, wie ihren Traum von einem normalen Leben mit Todd und dem Straßenjungen Toby (Ed Sanders) – einem personifizierten Charles Dickens-Klischee, dem gegenüber sie eher unfreiwillig auch ihre sanfteren Seiten durchscheinen lässt.
Die Nebenfiguren sind exquisit besetzt: Alan Rickman muss sich kaum anstrengen - als schmieriger alter Lüstling mit öliger Stimme. Den überraschendsten Part hat Sacha Baron Coen mit dem Dandyhaften Friseur Pirelli ergattert - für die Rolle wurde er übrigens schon engagiert, bevor er mit "Borat" zum Weltstar wurde. "Sweeney Todd" ist eine gesungene, überzogene Tragödie ohne Rührseligkeit, mit düster-romantischen Bildern. Unbedingt empfehlenswert nicht nur für Burton- und Depp-Fans, sondern auch für alle, die sich normalerweise vor dem Genre Musical selbst gruseln.





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