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Invictus - Unbezwungen
Invictus - Unbezwungen
© 2010 Warner Bros. Ent.

Kritik: Invictus - Unbezwungen (2009)


Kaum eine andere Figur des amerikanischen Filmgeschehens ist derart vielschichtig, wie er. Clint Eastwood, eingeschriebenes Mitglied der republikanischen Partei, aber entschiedener Gegner des Irak-Krieges und der Bush-Administration, machte auch als Künstler eine interessante Entwicklung durch: Hatte man ihn früher überwiegend in Spaghetti-Western oder als schmutzigen Detektive mit 3.57er-Magnum auf der Rechnung, entwickelt sich der raubeinig wirkende Mime allmählich nicht nur zu einem überaus ernstzunehmenden Darsteller, sondern auch zu einem ausgezeichneten Regisseur. Ihm verdankt man Filme wie "Erbarmungslos" (Oscar für die beste Regie 1990), "Mystic River" (Oscar für Sean Penn als bester Hauptdarsteller 2003) oder "Million Dollar Baby" (Oscar für die beste Regie 2004). Seine beiden letzten Filme "Gran Torino" und "Der fremde Sohn" wurden ebenfalls mit Kritikerlob überhäuft. Einige sind mittlerweile gar der Meinung, Eastwood wäre filmisch das Maß der Dinge und prinzipiell nicht in der Lage, einen mittelprächtigen Film abzuliefern.

Dementsprechend heiß ersehnt wurde sein neuestes Werk "Invictus" und dementsprechend hoch sind auch die Erwartungen die daran geknüpft werden. Die Story beginnt mit einer kleinen Rückblende in das Jahr 1990: Nelson Mandela (Morgan Freeman) wird nach 27 Jahren, aufgrund starken internationalen Druckes und einer massiven Kampagne des ANC (African National Congress) aus der Haft entlassen. Die internationale Völkergemeinde und Mandelas Anhängerschaft jubilieren - die Tage der Apartheid sind gezählt. 1994 gewinnt der ANC die ersten demokratischen Wahlen in Südafrika und Mandela wird Präsident. Inzwischen ist etwas Zeit vergangen: Mandela befindet sich im zweiten Jahr seiner Amtszeit, die Apartheid ist offiziell passé und der Präsident setzt weiterhin auf Aussöhnung. Die alten rassistischen Ressentiments der weißen Minderheit existieren aber immer noch und auch der Hass der schwarzen Bevölkerung, der sich über Jahrzehnte hinweg anstaute, hat sich nicht in Wohlgefallen aufgelöst.

Mandela sucht nach einer Möglichkeit die Kluft zwischen der weißen und schwarzen Bevölkerung zu überwinden und die Nation zu einen. Irgendwie verfällt er auf die Idee, dass die gerade sportlich wenig vom Glück gesegnete Rugby-Nationalmannschaft das bewerkstelligen könnte; ausgerechnet die sogenannten Springbocks, welche für die Schwarzen ein Sinnbild der weißen Herrenrasse darstellen. Bei einer Tasse Tee währende eines privaten Palavers zwischen Mandela und dem Kapitän der Mannschaft Francois Pienaar (Matt Damon) erklärt der Präsident dem Athleten, dass dies die Mission ist: die Weltmeisterschaft im Rugby gewinnen, damit die Nation ein Symbol hat, dass sie einen kann. Um das Image der nahezu ausschließlich weißen Truppe aber aufzupolieren, geht es zunächst mal auf Promo-Tour durch die Townships.

Wüsste man es nicht vorher, würde man kaum darauf verfallen, dass dies die neue Regiearbeit von Clint Eastwood ist. Er, der in den letzten Jahren bewiesen hat, wie magisch er mit der Kamera umzugehen versteht, mit welch ausgezeichnetem Gespür er atmosphärisch dichte Geschichten inszeniert und wie feinfühlig er bei der Entwicklung vielschichtiger Figuren vorgeht, präsentiert sich bei "Invictus" nicht in Bestform. Die Geschichte sucht nahezu eine Stunde lang, nach ihrer erzählerischen Mitte, die sie dann im Vorhaben der Sportler findet, die Weltmeisterschaft gewinnen zu wollen. Bis dato wird Zeit auf dieses und jenes verwendet: Ein wenig um Mandela zu portraitieren oder Stimmungsbilder der gesellschaftlichen Situation im Lande wiederzugeben und auch, um Sportimpressionen einzufangen; zu was dieser Rundumschlag aber eigentlich gut sein soll, außerhalb der reinen Stimmungszeichnung, erschließt sich nicht.

Die beiden Protagonisten geben keine viel bessere Figur ab. Zwar könnte man sich keinen geeigneteren als Morgan Freeman vorstellen, um Nelson Mandela zu mimen, doch leider gelingt es dem hochkarätigen Schauspieler zu keiner Zeit die besondere Faszination zu vermitteln, die von der Person Mandelas ausgeht. Auch hier dümpelt alles überwiegend an der Oberfläche herum. Matt Damon liefert zumindest physisch eine überzeugende Figur als Rugby-Athlet ab, aber seinem Filmcharakter mangelt es noch mehr an Unterbau. Was er im Wesen für ein Mensch ist, seine politische Einstellung, sein Denken über die Apartheid, werden nicht thematisiert; gleiches gilt für seine Familie, die in ihrer inneren Verfassung regelrecht Gesichtslos bleibt. Woran es "Invictus" nicht mangelt ist Pathos. Es existieren aber verschieden Formen davon. Solches, das aus Art der Inszenierung entsteht oder jenes, das erst eingebaut wird, um überhaupt den Zuschauer zu packen. Erstere Form entsteht ganz logisch aus der Geschichte heraus, letztere wirkt immer etwas gekünstelt. Es gibt aber noch eine Form, die bereits in der Geschichte, die dem Film zugrunde liegt, enthalten ist. Aufgabe des Films ist es dann die Emotion abzubilden und zu entfesseln. Genau hierbei versagt aber leider "Invictus" abermals. Sogar im Finale auf dem grünen Schlachtfeld, als die Springbocks um die WM-Krone kämpfen, springt nicht der ersehnte Funke über. Das Match an sich ist zwar nicht übel gefilmt, aber solche Finalfights wurden oft schon packender dargeboten.

Trotzdem ist "Invictus" kein wirklich schlechter Film. Er ist sauber durchdacht und handwerklich gelungen. Ihm fehlt aber eindeutig das besondere Etwas. Hinzu kommt, dass er nichts von dem, das er anreißt, auch erschöpfend behandelt. Weder die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen, noch die Figuren, die im Mittelpunkt der Handlung stehen. Und es fehlt ihm vollkommen der Ausblick auf die Jetztzeit: 15 Jahre später sind im Wesentlichen die Probleme im Land immer noch die gleichen – manch ein Experte würde gar sagen, der Spalt ist noch größer geworden. Angesichts der just bevorstehenden Fußball-WM, hätte es somit durchaus Sinn gemacht, zumindest die Natur des Konfliktes tiefer zu beleuchten.

Fazit: Solide abgefilmte Mischung aus Polit-, Gesellschafts-, und Sportdrama. Aber eben nichts Ganzes und nichts Halbes. Die guten Hauptdarsteller verleihen der Geschichte etwas Glanz, der die Inszenierung aber nicht ganz aus der Beliebigkeit herauszuheben vermag. Der neue Film von Clint Eastwood entpuppt sich unterm Strich damit nicht als der große Wurf, sondern mangels Vielschichtigkeit und Komplexität eher was für zwischendurch. Hoffentlich war dieser Streifen nur ein Zwischentief und Eastwood hat noch ein paar grandiose filmische Einfälle auf Lager.





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