VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Beautiful Boy
Beautiful Boy
© NFP marketing & distribution © Filmwelt

Kritik: Beautiful Boy (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Sucht ist sozusagen ein demokratisches Phänomen", sagt Produzentin Dede Gardner über ihren Film. Der Abhängigkeit sei es egal, wie viel Geld oder Liebe oder Bildung einer besitze. Nic Sheff (Timothée Chalamet) besitzt all dies im Übermaß. Mit seinem verständnisvollen Vater David (Steve Carell), dessen zweiter Ehefrau Karen (Maura Tierney) und den Halbgeschwistern Jasper (Christian Convery) und Daisy (Oakley Bull) lebt er in einem wundervollen Haus mitten in der Natur. Mit seinem Vater teilt er die Liebe zum Surfen und zur Musik. Und doch ist da dieses große schwarze Loch in seinem Innern, das er mit Drogen zu füllen versucht. Nach und nach verschluckt es die gesamte Familie.

"Beautiful Boy" ist Felix van Groeningens erster englischsprachiger Film. In seinem US-Debüt fügt der belgische Regisseur die Erinnerungen von Vater und Sohn, David Sheffs Memoiren "Beautiful Boy: A Father's Journey Through His Son's Addiction" und Nic Sheffs "Tweak", zu einer einzigen Erzählung zusammen. Das Drehbuch stammt vom Oscar-nominierten Luke Davies ("Life", "Lion: Der lange Weg nach Hause"), der selbst drogenabhängig gewesen ist und seine Erfahrungen im Skript zu "Candy" (2006), der Verfilmung seines eigenen Romans, verarbeitete. Gemeinsam mit van Groeningen, der als Koautor mitwirkte, stellt Davies die Perspektiven der beiden Hauptfiguren gleichberechtigt nebeneinander. Dank Nico Leunens abermals meisterhafter Montage entsteht ein assoziativer, geschmeidig fließender filmischer Gedankenstrom.

Van Groeningen hat den Großteil seines Teams mit in die USA genommen und knüpft dort an die emotionalen Achterbahnfahrten seiner früheren Filme an. Wie in "Die Beschissenheit der Dinge" (2009), wie im Berlinale-Geheimtipp und Oscarkandidaten "The Broken Circle" (2012) und wie in "Café Belgica" (2016) setzt van Groeningen auch in "Beautiful Boy" auf einen mitreißend gespielten, nonlinear erzählten und entlang der Gefühle und Gedanken seiner Protagonisten montierten, von Pop- und Rocksongs getragenen Familienkonflikt. Stammkameramann Ruben Impens taucht die Sets ins warme kalifornische Licht. Auf stereotype Einstellungen und Erklärungen verzichten Impens und van Groeningen größtenteils. Wie für David bleibt auch für die Zuschauer Nics Sucht eine schwer zu (be-)greifende amorphe Masse.

"Beautiful Boy" feierte im September 2018 beim Toronto International Film Festival seine Premiere; nur einen Tag vor Peter Hedges' "Ben Is Back", der in Deutschland wiederum zwei Wochen vor van Groeningens Film gestartet ist. Die zeitliche Nähe der Drogendramen – beide ganz unterschiedlich erzählt, aber im selben Milieu der oberen Mittelklasse angesiedelt – machen die Dringlichkeit deutlich, endlich mehr vom Schmerzmittel-, vom Methamphetamin- und Heroinmissbrauch zu erzählen, der in den USA längst alle Schichten erfasst hat.

Während Hedges aus der Thematik in "Ben Is Back" ein dunkles, kompaktes, geradlinig vorwärtsdrängendes Familiendrama formt, ein nächtliches Roadmovie zwischen Mutter und Sohn, das gegen Ende beinahe zu einem Thriller mutiert, legt van Groeningen seine Vater-Sohn-Geschichte als verschachtelte, ruhig vor sich hintreibende, in der Zeit vor- und zurückgleitende Erzählung an. Steve Carell und Timothée Chalamet spielen ganz bezaubernd, ganz zärtlich miteinander, aber auch Maura Tierney und Amy Ryan machen einen fantastischen Job. Die Liebe, die Verzweiflung und die Zerbrechlichkeit ihrer Figuren sind jederzeit spürbar.

Von der Wucht eines "The Broken Circle" ist das ein gutes Stück entfernt, nicht zuletzt, weil van Groeningen dieses Mal weniger die große Geste bemüht, stattdessen sehr subtil zu Werke geht. Mit tollen Szenen (etwa wenn David und Nic ihren ersten gemeinsamen Joint rauchen), mit innigen Umarmungen, flüchtigen Blicken und einem wunderbaren Abschiedsgruß zwischen Vater und Sohn rückt "Beautiful Boy" in den Fokus, was die Sucht für die Angehörigen eines Abhängigen bedeutet und verdeutlicht dabei, dass es keine einfachen Antworten gibt.

Fazit: Felix van Groeningens US-Debüt ist ein bezaubernd gespieltes, nonlinear erzähltes und meisterhaft montiertes Familiendrama. An die emotionale Wucht seines "The Broken Circle" (2012) reicht "Beautiful Boy" zwar nicht ganz heran, rückt dafür ein drängendes, weitverbreitetes gesellschaftliches Problem vorurteilsfrei, feinfühlig und mitfühlend in den Fokus.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.