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Joy - Alles außer gewöhnlich!
Joy - Alles außer gewöhnlich!
© 20th Century Fox

Kritik: Joy - Alles außer gewöhnlich! (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

David O. Russells Filme, egal ob seine leichten Komödien von "Flirting with Disaster" (1996) bis "I Heart Huckabees" (2004) oder sein schweres Boxerdrama "The Fighter" (2010), sind stets großartige Ensembleleistungen. Seit "The Fighter" springen dafür auch namhafte Preise für die Mimen heraus. Zweimal spielte Jennifer Lawrence bislang unter der Regie des Komödienspezialisten. Für ihre Rolle in "Silver Linings" (2012) erhielt sie einen Oscar, für die in "American Hustle" (2013) eine Nominierung. Und auch bei ihrer dritten Zusammenarbeit stehen die Chancen nicht schlecht. Denn Lawrence beweist erneut, dass sie die Bandbreite zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt mühelos beherrscht.

Auch "Joy" ist bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt. Und wenn Joys Vater Rudy (Robert De Niro) wieder bei seiner Tochter einzieht und dort im Keller mit Joys Exmann Tony (Édgar Ramírez) aneinandergerät, wenn Joys Mutter Terry (Virginia Madsen) unversehens mit dem haitianischen Klempner anbandelt oder wenn Fernsehguru Neil Walker (Bradley Cooper) mit übertriebener Geste eine Sendung bei einem Verkaufskanal orchestriert, dann versprüht Russells Film etwas von dem schauspielerischen Irrwitz, der bereits "Silver Linings" und "American Hustle" auszeichnete.

Doch das macht "Joy" viel zu selten. Zum einen hält der Regisseur sein Ensemble an der kurzen Leine. Wo Robert De Niro & Co. in "Silver Linings" noch lustvoll aufeinander losgingen, sitzt der Patriarch in "Joy" meist lustlos in der Ecke. Nach kurzen Glanzlichtern verkommen Ramírez, De Niro und Isabella Rossellini zu reinen Stichwortgebern. Andere Episoden wie etwa Terrys wundersame Wandlung von der depressiven Stubenhockerin zur berauschten Frischverliebten bringen die Handlung nicht voran, bleiben kleine, wenn auch meisterhaft inszenierte Nebengeschichten.
Zum anderen wechselt der Film zu häufig den Ton. Angesichts seiner Hauptfigur, die die Scherben ihres Lebens beiseite wischt, indem sie mit einem Mopp Millionen anhäuft, bietet sich eine komödiantische Betrachtung der Auswüchse des Kapitalismus geradezu an. Doch was als bissige Satire auf den American Way of Life beginnt, endet als verbissenes Erbauungskino mit märchenhaften Zügen. Am Ende sitzt Joy in ihrem Arbeitszimmer und hält bei schummrigem Licht als weibliche Version eines wohlwollenden Paten Hof.

David O. Russell meint das nicht nur ernst, er will noch mehr: "Joy" soll auch narratives Experimentierfeld sein. Joys Großmutter Mimi (Diane Ladd) erzählt die Erfolgsstory ihrer Enkelin aus dem Off, das in diesem Fall dem Jenseits entspricht, da sie mitten im Film das Zeitliche segnet. Auch sonst sind Raum und Zeit in Russells Film oft leicht entrückt, wenn sich etwa Realität und Fiktion wie in einer Seifenoper mischen oder ausgedehnte Rück- und Vorblenden abwechseln. Das hat durchaus seinen Reiz und macht "Joy" zu einem seltsam ambivalenten Vergnügen. Letztlich dienen Russells visuelle und narrative Bonbons aber nur dazu, dem Publikum die bitteren Mängel dieser unausgereiften, nicht konsequent zu Ende gedachten und geschriebenen Geschichte zu versüßen.

Fazit: "Joy" erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die ihr fremdbestimmtes Leben wieder in die eigenen Hände nimmt. Während Jennifer Lawrence unter David O. Russell erneut überzeugt, bleiben die übrigen Darsteller deutlich unter ihren Möglichkeiten. Das liegt nicht zuletzt an einem Drehbuch, das sich wie Russells Regie nicht klar für eine Richtung entscheiden kann.





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