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Run All Night
Run All Night
© Warner Bros.

Kritik: Run All Night (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Im Grunde verrät der Titel des neuen Thrillers mit Hollywood-Haudegen Liam Neeson nur die halbe Wahrheit über die dritte Zusammenarbeit mit dem spanischen Genre-Filmer Jaume Collet-Serra. Auch wenn im Mittelpunkt die versprochene Hatz durch ein nächtliches New York steht und sich Actionfreunde auf eine Reihe routiniert inszenierter Krawallmomente freuen dürfen, hat das Skript von Brad Ingelsby ("Auge um Auge") ein bisschen mehr zu bieten als stumpfe Selbstjustizfantasien. Zweifellos rücken die Handlungen des von Neeson verkörperten Ex-Profikillers Jimmy Conlon wiederholt in die Nähe der unreflektierten "96 Hours"-Reihe, die das Haudrauf-Image des gebürtigen Nordiren überhaupt erst begründete. Gleichzeitig setzt das Drehbuch aber auch auf kleine Ruhepausen, in denen die ambivalenten Beziehungen der Figuren eingehender beleuchtet werden.

Auf den ersten Blick scheint der Protagonist ein wandelndes Klischee zu sein: gebrochen, alkoholabhängig und mit seiner unrühmlichen Vergangenheit hadernd. Eine Figur, wie sie Liam Neeson in den letzten Jahren mehr als einmal verkörpert hat. Und doch gelingt es dem charismatischen Schauspieler, den früheren Auftragsmörder als reuigen Sünder aus Fleisch und Blut darzustellen, dessen Gewissensbisse durchaus berühren. Für etwas Tiefgang sorgt die langjährige, ehrliche Freundschaft zum Gangsterboss Shawn Maguire (Ed Harris), die durch den gewaltsamen Tod seines Sohnes aufgekündigt wird. Am eindringlichsten ist "Run All Night" immer dann, wenn Jimmy auf seinen ehemaligen Auftraggeber trifft und trotz aller Rachegelüste deutlich wird, wie viel Respekt die beiden noch immer voreinander haben. Neeson und Harris ergänzen sich in diesen rar gesäten Szenen perfekt und verleihen dem Geschehen mit ihrem Spiel eine geradezu tragische Note.

Etwas oberflächlicher verläuft die Auseinandersetzung zwischen Conlon und seinem entfremdeten Sohn Mike (Joel Kinnaman), der seinen Vater vor Jahren aus seinem Familienleben ausgeschlossen hat. Nach anfänglicher Zurückweisung erfolgt eine langsame Annäherung, die im Prinzip schon in der Eröffnungssequenz vorweggenommen wird, als Conlon über sein schuldbelastetes Leben und die Fehler sinniert, die er im Umgang mit nahestehenden Menschen begangen hat. Nach dem Mord von Danny Maguire (Boyd Holbrook) bekommt er unerwartet die Chance, seinem Sohn zu helfen und Mike zu zeigen, dass er Verantwortung für sein Handeln übernehmen kann.

Andere Figurenzeichnungen wirken dagegen deutlich fahriger und wollen sich nicht recht in das Gesamtbild fügen. Detective Harding (Vincent D’Onofrio) etwa wird als ewiger Verfolger Conlons in Stellung gebracht, kommt aber ebenso wenig über bloßen Funktionscharakter hinaus wie der boxbegeisterte Teenager Curtis Banks (Aubrey Joseph), der in Mike einen wichtigen Mentor gefunden hat. Skurril, allerdings wenig ergiebig ist außerdem der Gastauftritt von Nick Nolte als Jimmys Bruder Eddie, mit dem der Film einen weiteren emotionalen Akzent setzen will. Dumm nur, dass dieser viel zu schnell verpufft.

Sieht man von einigen Kameraspielereien ab, präsentiert Jaume Collet-Serra einen schnörkellosen Gangsterthriller, der mit kernigen Kampfszenen und einer mitreißenden Autoverfolgungsjagd aufwarten kann. Actionszenen, die das starke emotionale Moment der eher konventionellen Geschichte leider ein ums andere Mal überlagern.

Fazit: Auf den Punkt gebracht, verbindet "Run All Night" die Actionexzesse der "96 Hours"-Reihe mit dem Schwermut von Liam Neesons Noir-Thriller "Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones". Erwarten darf der Zuschauer also solides Spannungskino, das manchmal sogar über sich hinauswächst.




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