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Zwei Tage, eine Nacht
Zwei Tage, eine Nacht
© Alamode Film

Kritik: Zwei Tage, eine Nacht (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Es ist eine ebenso einfache wie perfide Ausgangssituation, die dem Film "Zwei Tage, eine Nacht" von Jean-Luc und Pierre Dardenne zugrundeliegt: Unter dem Deckmantel der Selbstbestimmung hat das Management eine schwierige Entscheidung auf die Mitarbeiter übertragen, die eine solche Wahl weder treffen sollten noch treffen wollen. Nur auf den ersten Blick müssen sie sich zwischen Solidarität und Eigennutz entscheiden, denn von dem Bonus hängt bei einigen vom Schulgeld der Tochter bis zur Stromrechnung eines Jahres sehr viel ab. Wieder andere sind besorgt, dass die gerade erst wieder gesund gewordene Sandra die Arbeit nicht mehr leisten kann wie vorher, oder ohnehin jemand entlassen wird, weil sie während Sandras Krankschreibung die Arbeit mit einer Person weniger erledigt haben. Die Angst vor dem sozialen Abstieg, die Nöte und der Druck, unter dem ganze Familien stehen, werden in dem großartigen Film sehr deutlich, indem Sandras Kollegen sehr verschieden auf sie reagieren. Manche sind beschämt, eine Kollegin öffnet gar die Tür nicht, andere werden wütend und aggressiv, aber einige nehmen diese Situation auch zum Anlass, über ihre eigenen Werte nachzudenken und ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.

Es kostet Sandra sehr viel Kraft, ihre Kollegen nach und nach aufzusuchen. Sie weiß, dass sie sie in eine schwierige Situation bringt und hat deshalb ein schlechtes Gewissen. Außerdem fühlt sie sich gedemütigt und hat nach einer überstandenen Depression im Grunde genommen mit dem Alltag schon genug zu tun. Unterstützt wird sie bei ihrem Spießrutenlauf von ihrem Mann Manu (Fabrizio Rongion), der seine labile Frau immer wieder ermuntert. Er weiß, dass von ihrem Job abhängt, ob sie die Raten für das Haus weiter bezahlen können. Vor allem erkennt er, dass Sandra nach ihrer Depression diese Arbeit braucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Dadurch erzählt "Zwei Tage, eine Nacht" auch sehr viel über eine Ehe.

"Zwei Tage, eine Nacht" bleibt sehr nah bei seiner Protagonistin, die von Marion Cotillard beeindruckend gespielt wird, und gibt sich niemals dem Voyeurismus hin. Vielmehr spüren Kamera und Drehbuch den Problemen und Nöten der Figuren nach, verweigern sich aber konventionellen Einstellungen und Entwicklungen. Wenn Sandra beispielsweise im Auto sitzt und einen Sommertag genießt, indem sie das Fenster herunterkurbelt und ihren Kopf in den Fahrtwind hält, erfolgt kein Schnitt, nachdem Sandras Gesicht von außen zu sehen ist, sondern die Kamera bleibt im Inneren des Wagens und behält ihre Position bei. Hier geht es nicht um eine Selbstwerdung und -findung, deshalb fehlt auch ein romantisierendes Ende, sondern dieser Film ist ein beeindruckendes Plädoyer für Werte, die längst als Luxus erscheinen. In einer Gesellschaft, in der Handlungen und Entscheidungen von der Angst um den eigenen Arbeitsplatz und vor sozialem Abstieg bestimmt werden, ist Solidarität ein kaum zu erhaltendes und damit umso kostbareres Gut. Ohne Solidarität sind die Errungenschaften der Arbeiterbewegung, aber auch das Zusammenleben unserer Gesellschaft bedroht. Das ist eine Folge des Kapitalismus, die bereits heute überall zu entdecken ist. Und dank der Dardennes wird sie uns auf eindringliche Weise vor Augen geführt.

Fazit: "Zwei Tage, eine Nacht" ist ein bemerkenswerter sozialrealistischer Film mit einer beeindruckenden Marion Cotillard, der mit Details und einem genauen Blick auf ein sehr aktuelles Problem überzeugt.




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