VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Bridge of Spies - Der Unterhändler
Bridge of Spies - Der Unterhändler
© 20th Century Fox

Kritik: Bridge of Spies - Der Unterhändler (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wie so oft bei Steven Spielberg steht auch in "Bridge of Spies" ein Mann im Mittelpunkt, der erst auf Reisen zu sich selbst findet. James Donovans (Tom Hanks) Reise führt ins geteilte Berlin. Die Anspannung ist dem Juristen anzumerken. Nervös ballt er die Fäuste. Seinen Mandanten, den enttarnten russischen Spion Rudolf Abel (Mark Rylance), den der Anwalt auf der Glienicker Brücke austauschen soll, erinnert diese Geste an einen "standhaften Mann", den er einst kannte. Abels Anekdote über diesen Unbeugsamen gibt Spielbergs Film und seinem Protagonisten die Richtung vor. Fortan setzt sich James Donovan gegen alle Widerstände zur Wehr.

Was hätten Joel und Ethan Coen ("Fargo", "The Big Lebowski") wohl aus diesem Stoff gemacht? Die Brüder waren am Drehbuch beteiligt, und in einigen Szenen blitzt ihr abstruser Humor merklich auf – etwa wenn James Donovan auf einem Ministeriumsflur in Ostberlin wartet, auf dem Angestellte die Hauspost mit dem Drahtesel von einem Büro zum anderen radeln, oder wenn er sich Schmierenkomödianten gegenüber sieht, die Rudolf Abels Familie mimen. Diese Szenen scheinen dem Coen-Universum direkt entsprungen. Hier gleicht der Kalte Krieg für Augenblicke mehr der lustvollen Verwirrung eines "Eins, zwei, drei" (1961) – jenem Billy Wilder-Film, der in "Bridge of Spies" gerade in den Berliner Kinos angelaufen ist – als der düsteren Paranoia eines "Der Spion, der aus der Kälte kam" (1965).

Trotz der absurd anmutenden Behördengänge und Verhandlungen beschränkt sich diese befreiende Komik bei Spielberg auf ein Minimum. Der Filmemacher erzählt viel lieber seine altbewährte Geschichte eines (infantilen) Helden, der an einer Herausforderung und an seinen (Familien-)Werten wächst. Europäischen Augen erschien das schon immer reichlich konservativ. Spielberg selbst versteht sich wie auch sein jüngstes Werk hingegen als liberal. In seinem Engagement für Rudolf Abel geht es James Donovan um die Verteidigung der Bürgerrechte, die selbst deren Feinden zustehen. Nur weil er einen Kommunisten vertritt, sympathisiert Donovan im Umkehrschluss nicht gleich mit dessen Überzeugungen. Diesen kleinen, aber feinen Unterschied kann das Umfeld des Anwalts nicht begreifen. In einer hysterischen Gesellschaft, die allerorten die kommunistische Bedrohung heraufbeschwört, ist für einen differenzierten Blick kein Platz. Wenn Polizisten und Juristen Donovan raten, unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit das Recht zu beugen, dann zieht Steven Spielberg eine direkte Linie von der McCarthy-Ära zum Patriot Act und dessen Krieg gegen den Terror samt seiner rechtsfreien Räume.

Die Folgen bekommt der Unbeugsame auch bei Spielberg schnell zu spüren. Erst rücken die Sitznachbarn in der U-Bahn, dann Familienmitglieder von Donovan ab. Angesichts dessen wäre es für den Anwalt ein Leichtes klein beizugeben. Doch Donovan bleibt unbeirrt, weil Spielberg seinen Film als Plädoyer für Freiheit und Menschlichkeit verstanden wissen will. Diese gibt sein Protagonist auch im Kampf gegen ein unmenschliches System, das seine Bürger einsperrt, nicht auf. Eine Haltung, die zum Zeitpunkt des deutschen Kinostarts auch die jüngsten Terroranschläge in Paris kommentiert.

Obwohl Steven Spielberg dieses Plädoyer recht plakativ, teils etwas zu pathetisch hält, krankt sein Film an ganz anderen Stellen. Narrativ hat der große Geschichtenerzähler seinen Zenit längst überschritten. Seit dem Katz-und-Maus-Spiel "Catch Me If You Can" (2002) ist dem Regisseur kein Film mehr gelungen, der seinen Spannungsbogen hält. Es mag mitunter an der Länge liegen. Auch "Bridge of Spies" überschreitet die zwei Stunden deutlich. So brillant diese Spionagegeschichte auch fotografiert und montiert sein mag – sieht man einmal davon ab, dass Spielbergs Stammkameramann Janusz Kaminski den Einsatz von Gegenlicht dieses Mal bis zur Schmerzgrenze ausreizt –, erzählerisch hängt der Film an zu vielen Stellen durch. Nach einer nervenaufreibenden Exposition, fällt die Spannung just dann ab, als der Schauplatz über den Großen Teich wechselt.

Hier stehen Existenzen auf dem Spiel. Und doch gelingt es Spielberg nur mäßig – an einer Stelle, als Donovan ganz beiläufig Todesschüsse an der Berliner Mauer beobachtet, gar recht ungelenk –, die Dringlichkeit von dessen Mission zu vermitteln. Vielleicht liegt es ja daran, dass der Anwalt, kaum in Berlin angekommen, allzu souverän durch "Bridge of Spies" gleitet. Trotz zahlreicher Haken und Ösen, läuft alles glatt. Verfängt sich der Protagonist dennoch einmal, hat der Zuschauer nie das Gefühl, dass der Poker nicht aufginge. Diesem Spionagethriller fehlt schlicht der Thrill.

Fazit: Steven Spielberg bleibt ein herausragender Handwerker, offenbart aber erneut erzählerische Schwächen. "Bridge of Spies" ist ein inhaltlich anspruchsvoller, visuell ansprechender, aber auch ausgesprochen langatmiger und dadurch streckenweise langweiliger Spionagefilm. Nach einem furiosen Start gelingt es dem Regisseur nicht, das Publikum in der zweiten Hälfte an den Sitz zu fesseln.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.