VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Suspiria (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das lateinische Wort "suspiria" bedeutet "die Seufzer". Der Titel des Originals wie der Neuverfilmung spielt auf die alte und mächtige Helena Markos an, die der Tanzakademie und dem geheimen Hexenzirkel dahinter als "Mater Suspiriorum", als "Mutter der Seufzer" vorsteht. Aber auch als Zuschauer stößt man während der 152 langen Minuten den ein oder anderen Seufzer aus – mal aufgrund von Luca Guadagninos höchst sehenswerter, packender Inszenierung, meist jedoch wegen deren heilloser Überfrachtung. Aber der Reihe nach ...

1977 brachte Giallo-Papst Dario Argento seinen Hexenhorror "Suspiria" in die Kinos. Zunächst als alleinstehender Film gedacht wurde er zur Trilogie erweitert, die Argento nach "Inferno" (1980) erst 2007 mit "La terza madre" abschloss. Im selben Jahr kam ein Remake des ersten Teils ins Gespräch. Zunächst bot Guadagnino die Regie David Gordon Green an, der eine der Hauptrollen mit Isabelle Huppert besetzten wollte. Doch die Finanzierung scheiterte. Neun Jahre später nahm Guadagino schließlich selbst die Dreharbeiten auf. Und eins scheint sicher: Seine Version dürfte mehr Zuschauer erreichen als Argentos zwar kultisch verehrtes, aber vielen bis heute unbekanntes Original. Zum einen fristet das Horrorgenre längst kein Nischendasein mehr, zum anderen ist die Neuauflage mit Tilda Swinton, vor allem aber mit der aus der "Fifty Shades"-Trilogie bekannten Dakota Johnson weitaus prominenter besetzt.

Guadagninos Ansatz ist eine Mischung aus andeutungsreicher Hommage und mutiger Neuinterpretation. Drehbuchautor David Kajganich hat die Geschichte von Freiburg im Breisgau nach Westberlin und mitten hinein in den Terror des Deutschen Herbsts verpflanzt. Das großartig besetzte, beinahe ausnahmslos weibliche Ensemble weiß mit Angela Winkler und Ingrid Caven zwei Grandes Dames des Neuen Deutschen Films in seinen Reihen. Ob dieser eigenwilligen Verquickung sprechen manche Filmkritiker von einem Remix. Hauptdarstellerin Tilda Swinton, die gleich in mehrere Rollen schlüpft, zog einen Vergleich zur Musikindustrie, sieht in Guadagninos Variante eine "Coverversion". Ganz gleich, wie man die phasenweise meisterliche Schauermär auch nennen will, ein simples Remake ist sie nicht. Dafür ist "Suspiria" visuell zu unverwechselbar, inhaltlich zu vielschichtig.

Guadagninos Variante wirkt beinahe wie eine Antithese zu Argentos Original, so sehr bedient der gebürtige Sizilianer eine Ästhetik des Verfalls. Das satte auf Eastman-Color gedrehte Rot, Gelb und Grün weicht gedämpften, erdfarbenen 4K-Bildern, die prächtige, neugotische Fassade der Tanzschule einem heruntergekommenen Jugendstilbau mit Art-déco- und Bauhaus-Versatzstücken. Statt psychedelischer Klänge der italienischen Prog-Funkrocker Goblin, haut Radiohead-Frontmann Thom Yorke dem Kinopublikum einen düster-experimentellen Soundtrack um die Ohren, der sich tief in die Magengrube frisst. Selbst das Wetter ist permanent mies und spiegelt das allgemeine Gemüt. So grau, braun und verwaschen muss der Deutsche Herbst einfach ausgesehen haben. Eine bleierne Zeit.

So sehr das audiovisuelle Konzept auch überzeugt (Kameramann Sayombhu Mukdeeprom streut wahnwitzige Reißschwenks und Kranfahrten ein, Cutter Walter Fasano versteigt sich in Albtraummontagen eisensteinschen Kalibers, die Tanzeinlagen sind wundervoll choreografiert und geschnitten), die Erzählung enttäuscht maßlos. Überflüssige Handlungsstränge wie derjenige Josef Klemperers, dessen Geschichte Kajganich auch aus der Tanzakademie heraus am Beispiel einer Protagonistin hätte schildern können, verschleppen das Tempo und ziehen den Film unnötig in die Länge. Die Tatsache, dass in einem Film über starke Frauen hinter Klemperers greisem Gesicht mit Tilda Swinton ebenfalls eine Frau steckt, verkommt zur netten Idee. Wie Guadagnino überhaupt einen Großteil seines großartigen Ensembles maßlos verschenkt.

Die größte Schwachstelle ist aber die schiere Themenfülle, mit der Kajganich und Guadagnino ihren Horrorthriller bedeutungsschwanger aufladen. Es geht um (falsch verstandene) Mutterliebe und Emanzipation, um die Verführung der Massen, die erst in den Faschismus und schließlich in (Links-)Terrorismus mündet, und es geht um Körper, darum, den eigenen und den der anderen zu beherrschen – sei es mit (Selbst-)Disziplin oder mit Magie. Wie das aber alles zusammenhängt, was das eine mit dem anderen zu tun hat, darum geht es Luca Guadagnino nicht. Sein Film deutet vieles an, löst aber nichts ein oder gar auf.

"Suspiria" ist ein unbequemes, sperriges Werk, das sich letztlich selbst im Weg steht. Von der kinematografischen Wucht der fulminanten ersten Akte ist am Ende nichts mehr geblieben. Das Finale fällt im Gegensatz zur einprägendsten Szene, in der Susies Bewegungen den Körper einer Tanzkollegin verbiegen und brechen, emotional wie ästhetisch eklatant ab, mutet geradezu amateurhaft an. Argentos Original war purer, knallbunter, sinnentleerter Manierismus. Guadagninos "Coverversion" ist packender, aber eben auch düster-dräuender, prätentiöser Eklektizismus.

Fazit: Luca Guadagninos "Suspiria" ist ein visuell überwältigender, über weite Strecken packend inszenierter Hexenthriller, der seine anfängliche Wucht jedoch zusehends einbüßt, je mehr er seine Geschichte mit Nebenschauplätzen, unnötigen Handlungssträngen und viel zu viel Symbolgehalt überfrachtet.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.