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Christopher Robin
Christopher Robin
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Kritik: Christopher Robin (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Disneys jüngste Realverfilmung eines Zeichentrickklassikers beginnt wie ein Roman. "Tief im Hundertmorgenwald spielt der kleine Christopher Robin tagein, tagaus mit seinen Freunden", lässt uns der Erzähler mit sonorer Stimme wissen, während die gedruckten Sätze und Illustrationen auf vergilbten Buchseiten erscheinen und verschwinden. Diese ersten Minuten sind ein magischer Medienmix. Zeichnungen werden zu Film, Standbilder zu Zeichnungen. Seiten und Kapitel fliegen vorbei. Am Ende dieser virtuos inszenierten Titelsequenz hat der junge Christopher Robin (Orton O'Brien) eine Abschiedsparty mit seinen Stofftieren gefeiert, ein Internat besucht, seinen Vater beerdigt, studiert und geheiratet und ist in den Zweiten Weltkrieg gezogen. An sein Versprechen, seine Freunde aus dem Hundertmorgenwald niemals zu vergessen, erinnert sich der erwachsene Christopher Robin (Ewan McGregor) nicht mehr.

"Christopher Robin" ist die bislang siebte einer langen Reihe von Realverfilmungen, die 2010 mit Tim Burtons "Alice im Wunderland" begann. Mit der Kinderbuchvorlage von A. A. Milne und den Animationsabenteuern des kleinen Bären "von sehr geringem Verstand" hat Marc Forsters Version allerdings wenig zu tun. Seine Drehbuchautoren Alex Ross Perry und Tom McCarthy waren bislang vornehmlich im Independentfilm, ihre Kollegin Allison Schroeder fürs Fernsehen tätig. Mit viel frischem Wind und amüsanten Ideen spinnen die drei Schreiber die Geschichte des kleinen Jungen in die Zukunft fort. Die Handlung ist in den Nachkriegsjahren angesiedelt, das Thema ist zeitlos. Es geht um die (Un-)Vereinbarkeit von Familie und Beruf und darum, sich das Kind im Manne, das Träumen, Spielen und Herumalbern zu bewahren.

Nach "Wenn Träume fliegen lernen" (2004) und "Schräger als Fiktion" (2006) begibt sich Marc Forster zum dritten Mal an die Grenze zwischen Realität und Fantasie. So technisch brillant wie die Eröffnung setzt der deutsch-schweizerische Regisseur auch den Rest der Geschichte eines gestressten Familienvaters um. Die Bilder sind opulent, bis ins kleinste Detail perfekt ausgestattet und bis in den letzten Winkel wunderbar ausgeleuchtet. An der Seite der liebevoll animierten Stofftiere spielt Ewan McGregor mal urkomisch, mal rührend. Wenn er nur mit einem Regenschirm bewaffnet gegen erfundene Heffalumps und Wusel in den Kampf zieht, tänzelt Jon Brions und Geoff Zanellis Musik zu seinen Bewegungen. Trotzdem ist das alles nicht nur locker-leicht und zuckersüß. Christopher Robins Ehe- und Arbeitskrise sind erstaunlich ernste Themen für einen Disney-Film.

Gemeinsam mit Winnie Puuh bildet McGregor ein absurdes Gespann. Wenn der kleine Tollpatsch Christopher Robins Küche in einem Slapstickfeuerwerk ins Chaos stürzt, mit seiner verqueren Logik in der Bahnhofshalle Unruhe stiftet und mit Madeline einen wilden Ritt durch London unternimmt, erinnert das an einen anderen Problembären, der erst die Kinderzimmer und anschließend die Leinwände eroberte: Paddington. An dessen Kinoabenteuer reicht "Christopher Robin" nicht heran. Dafür fehlt dem Film trotz einer gelungenen Mischung aus Ernst und Unsinn ein Tick Leichtigkeit und Herzenswärme. Das Plädoyer für weniger Arbeit und mehr Zeit für die Familie ist dennoch gelungen: "Nichtstun führt oft zum allerbesten irgendwas."

Fazit: Disneys siebte Realverfilmung eines Zeichentrickklassikers nimmt sich erzählerisch viele Freiheiten. Marc Forster setzt die Geschichte eines gestressten Familienvaters mit einem toll aufspielenden Ensemble, detailverliebter Ausstattung und opulenten Bildern um. Trotz des ernsten Themas ist "Christopher Robin" absurd und amüsant. An die Leichtigkeit und Herzenswärme eines "Paddington" reicht der Bär "von sehr geringem Verstand" allerdings nicht heran.




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