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Als Hitler das rosa Kaninchen stahl
Als Hitler das rosa Kaninchen stahl
© Warner Bros.

Kritik: Als Hitler das rosa Kaninchen stahl (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Judith Kerrs Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" erschien in deutscher Sprache erstmals 1973 und hat sich hierzulande bis heute über eine Million Mal verkauft. Es gehörte viele Jahrzehnte zu den literarischen Standartwerken an Schulen. Kerr verstarb im Mai dieses Jahres. Die Regie der Kino-Adaption übernahm Caroline Link ("Der Junge muss an die frische Luft"). Gemeinsam mit ihrem Team drehte sie unter anderem in Bayern, Berlin und Prag, das im Film das Paris der 40er-Jahre darstellt.

Geradlinig und ohne Umschweife erzählt Link die nicht enden wollende Leidensgeschichte einer sich auf der Flucht befindlichen deutschen Familie. Im Kern geht es in "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" auch gar nicht um Themen wie Antisemitismus oder den Nationalsozialismus an sich, dafür sieht man viel zu selten aufmarschierende Nazis oder SS-Schergen. Auch Bücherverbrennungen, Gewalt gegen Juden oder die Diffamierung Andersdenkender wird man hier selten bis nie zu Gesicht zu bekommen – das unterscheidet den Film deutlich von anderen Produktionen, die in jener Zeit angesiedelt sind.

Vielmehr lässt sich "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" tatsächlich vor allem als Flucht-Drama bezeichnen. Denn für die Kempers geht es von Berlin in die Schweiz und weiter nach Frankreich. Und von dort aus schließlich in die englische Hauptstadt London. Es ist eine Geschichte von beständigem Neuanfang und den immer gleichen Anstrengungen: Es geht für Arthur Kemper an jedem neuen Ort um den Versuch, die Familie ernähren zu können und ihnen ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Anna und ihr Bruder hingegen suchen stetig aufs Neue Anschluss bei Gleichaltrigen und Freundschaften. Immer häufiger haben sie zudem mit Sprachbarrieren zu kämpfen, die ihnen das Leben erschweren. Marinus Hohmann und – vor allem – Riva Krymalowski sind ein Hauptgewinn. Trotz ihres jungen Alters spielen sie ihre Figuren ungemein abgeklärt, selbstsicher und authentisch.

Die einzigen beiden nennenswerten Schwächen: Einerseits ertränkt die schwülstige Musik den Film hier und da in Pathos. Zum anderen erscheint Familienvater Arthur Kemper als doch sehr von sich überzeugter, bisweilen überheblicher Autor, dessen Wesenszüge allzu oft undurchschau- und schwer greifbar erscheinen.

Fazit: Stilsicher und mitreißend inszeniertes (Familien-)Drama über vier Menschen auf der Flucht, das das Maximum aus der nach wie vor relevanten Buchvorlage herausholt und über zwei großartige Jungdarsteller verfügt.




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