Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Atlas (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

David Nawraths Langfilmdebüt steht und fällt mit seiner Hauptfigur. Kaum eine Szene, in der der Möbelpacker Walter nicht zu sehen ist. Der ehemalige Gewichtheber ist der Atlas, der die Last seiner eigenen Vergangenheit und die der Zukunft seines Sohnes, aber auch die Last dieses Films auf seinen Schultern trägt.

Ursprünglich sah das preisgekrönte Drehbuch, das Nawrath gemeinsam mit Paul Salisbury geschrieben hat, eine "massive Figur" für die Hauptrolle vor, wie der Regisseur in einem Interview sagte. Dass es am Ende der physisch unscheinbare Rainer Bock geworden ist, ist ein Segen. Der stille Walter, der geduldig sein Päckchen trägt und sich aus allem raushält, bis er nicht mehr anders kann, erzählt stets mehr über Blicke als über Worte. Gerade diese leisen Zwischentöne beherrscht Bock hervorragend. Eine Qualität, die den Theatermimen mittlerweile auch für internationale Produktionen begehrt macht, und die Bock jüngst in der vierten Staffel der Serie "Better Call Saul" ein weiteres Mal unter Beweis gestellt hat.

Das Zusammenspiel mit Albrecht Schuch, der Walters unwissenden Sohn Jan gibt, und Roman Kanonik, der den ominösen Moussa verkörpert, funktioniert wunderbar. Besonders mit Letztgenanntem kommt es wiederholt zu intensiven Szenen, die ihre Intensität nicht aus laut krachender Konfrontation ziehen, sondern aus dem Ungesagten, das beständig unter der Oberfläche schwelt. Dementsprechend zurückhaltend hat Nawrath seinen Film inszeniert. Die Kamera ist beobachtend, die Bildgestaltung trist. Das ist schade, erinnert es doch mehr an einen Fernsehkrimi denn an Kino.

Für ein Debüt ist die Vater-Sohn-Geschichte, die am Rande von Mietwahnsinn und Wohnungsnot in deutschen Großstädten erzählt, erstaunlich reif. Salisburys und Nawraths Drehbuch ist dicht, spiegelt die Vater-Sohn-Konstellation geschickt über zwei Generationen, verrät nie zu viel oder zu wenig, setzt die Wendepunkte an den richtigen Stellen und sein titelgebendes Leitmotiv schlüssig ein. Und doch schwankt die Handlung und mit ihr der gesamte Film ein wenig unentschlossen zwischen Sozialdrama und Genre-Film.

Fazit: "Atlas" ist ein Langfilmdebüt, das durch sein dichtes, schlüssiges Drehbuch und das intensive Spiel seines Ensembles, allen voran Hauptdarsteller Rainer Bock, überzeugt. Allerdings sieht der Film mehr nach Fernsehen als nach Kino aus und kann sich nicht ganz entscheiden, ob er Sozialdrama oder Genre-Stück sein will.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.