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Kritik: Anna (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Ein wenig sind Luc Bessons Filme wie die Hauptfigur seines jüngsten Actionkrachers: Eine attraktive Hülle lenkt von erzählerischen Unzulänglichkeiten ab. Das ist nicht neu, immerhin stand das französische Allroundtalent zu Beginn seiner Karriere für ein Cinéma du look, das, wie der Name bereits verrät, mehr an der Form als am Inhalt interessiert war. In Bessons bester Phase näherten sich diese beiden Bereiche an. Bei "Leon – Der Profi" (1994) und "Das fünfte Element" (1997) kamen sie zur Vollendung. Dass er bis heute wie kaum ein zweiter Regisseur atemberaubende Bilderwelten erschaffen kann, hat Besson mit "Valerian – Die Stadt der tausend Planeten" (2017) bewiesen. Story und Figuren waren ihm dabei schnuppe wie selten. Sein Nachfolger "Anna" strauchelt noch an ganz anderen Stellen.

Schon die Geschichte ist nur ein uninspirierter Abklatsch seines eigenen Thrillers "Nikita" (1990). Auch dieses Mal steht eine Frau im Mittelpunkt, die keinen anderen Ausweg aus ihrem verkorksten Leben sieht, als ihre Seele an einen Geheimdienst zu verkaufen. Auch dieses Mal trifft sie auf einen Förderer und eine widerwillige Vorgesetzte. Ja selbst ihre Eignungsprüfung ist eine nur leicht variierte Kopie einer Sequenz von vor 30 Jahren. Und obendrein hat Besson seine Story in die Jahre seines filmischen Durchbruchs versetzt. Warum, bleibt unklar. Dank blauer Münztelefone, riesiger Handys, Schulterpolster und bunter Pullover erhöht das aber zumindest den Nostalgiefaktor.

Freilich geht auch Luc Besson mit der Zeit, orientiert sich an der Konkurrenz ("Atomic Blonde", "Red Sparrow") und seinen eigenen Produktionen mit schlagkräftigen Frauen ("Lucy"). Dementsprechend geht alles schneller, weiter und höher, was seinen Agententhriller aber nicht besser, sondern erheblich schlechter als seine älteren Filme macht. Anna mordet häufiger und brutaler als noch Nikita. Zeit für ein Privatleben hat sie in dicht gedrängten 119 Minuten kaum. Statt echter Figuren präsentiert Besson attraktive Abziehbilder. Statt seine Geschichte linear zu erzählen, springt er alle halbe Stunde zurück und führt das bislang Gesehene mit einer neuen Wendung ad absurdum.

Hier stehen die im Film mehrfach erwähnten Matroschkapuppen Pate. Wie die von Topmodel Sasha Luss gespielte Titelheldin, die mehrere Identitäten in sich birgt, ist auch die Handlung gleich mehrfach verschachtelt. Die Wendungen sind zwar spätestens ab der zweiten vorhersehbar, aber gut gemacht. Auch die pralle Action, stets mit ein paar Lachern versehen, kann sich sehen lassen. An die Konkurrenz reichen die ordentlich, aber nie überwältigend choreografierten Todesballette allerdings ebenso wenig heran wie Thierry Arbogasts Kameraarbeit, die in den 1990ern noch Maßstäbe setzte.

Auch darstellerisch enttäuscht der Film. Aus seiner Vorliebe für schöne Frauen hat Besson noch nie einen Hehl gemacht. Schon in "Das fünfte Element", "Johanna von Orleans" (1999) und "Angel-A" (2005) besetzte er die weibliche Hauptrolle nicht mehr mit einer ausgebildeten Schauspielerin, sondern mit einem Model. So sehr auf sich allein gestellt wie in "Anna" war die Hauptdarstellerin allerdings noch nie. Sasha Luss besitzt durchaus Leinwandpräsenz, gerät gerade in den emotionalen Szenen aber schnell an ihre Grenzen. Da helfen auch die tollen Nebendarsteller nur wenig, aus denen vor allem Helen Mirren als lustvoll aufspielender harter Geheimdienstknochen hervorsticht.

Die Zeiten, in denen Luc Besson von Europa aus das US-Kino das Fürchten lehrte, scheinen vorbei zu sein. Wobei sich "Anna" mit einem Budget von geschätzten 30 Millionen US-Dollar eher im unteren Preissegment bewegt. Bleibt also abzuwarten, ob das französische Enfant terrible noch einmal ein ähnliches Rekordbudget wie bei "Valerian" erhält und was er dann daraus macht. Derweil bietet seine jüngste Actionorgie all denen Kurzweil, die wie Besson mehr an einer glitzernden Oberfläche und weniger an darunterliegender Tiefe interessiert sind.

Fazit: Luc Besson bleibt seinen Lieblingsthemen treu. In "Anna" schickt er Topmodel Sasha Luss als ebenso schöne wie schlaue Doppelagentin auf Männerjagd. Das ist zwar immer noch kurzweilig, schauspielerisch, erzählerisch und inszenatorisch von Bessons besten Filmen aber Längen entfernt.




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