VG-Wort

oder

Kritik: Undine (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Regisseur Christian Petzold ("Transit") versetzt den uralten Mythos der von der Liebe aus dem Wasser geholten Undine ins heutige Berlin. Die von Paula Beer gespielte Titelheldin will sich dem Mythos verweigern, dem Gefesseltsein ans Schicksal, und ein selbstbestimmtes Leben führen. Aber so einfach ist das nicht. Romantik trifft in diesem Drama auf Nüchternheit, schnöder und magischer Realismus vollführen einen Tanz, der zum Teil unter Wasser aufgeführt wird. Die entscheidende Frage in dieser Geschichte über eine verratene Liebe ist, wie es um die Macht der Liebe selbst bestellt ist. Undine nämlich ergreift eine neue Chance, als ihr Christoph begegnet und mit ihm sozusagen die richtige, die wahre Liebe.

Das Märchenhafte gibt dieser sonst recht unscheinbaren, tiefstapelnden Inszenierung ihren besonderen Reiz. Undine ist auch insofern ein Kind der Märchenwelt, als sie sich gegen den bösen Zauber wehrt, der ihr auferlegt ist. Warum soll gerade ein Mann, der sie nicht mehr liebt, über ihr Schicksal entscheiden? Überall gibt es Einbrüche des magischen Realismus, wenn im Stausee, in den Christoph taucht, ein Wels erscheint und steinerne Ruinen hinter Algen schemenhaft zu erkennen sind. Oder wenn im Café ein Aquarium einfach zerbricht, als wollte das Wasser gezielt nach Undine greifen und sie heimholen.

Manchmal gerät für Undine und die Zuschauer die Wirklichkeit auch in Konkurrenz zum mythisch gefärbten, entrückten Erleben. Dann fällt die Orientierung schwer, was tatsächlich geschehen ist und in welcher Reihenfolge. Paula Beer und Franz Rogowski ergeben ein zärtliches, auf Wolke 7 schwebendes Paar, das aber stets auch irgendwie verloren und schutzbedürftig wirkt. Leichte, anheimelnde Klaviermusik ist der häufige Begleiter dieser jungen Menschen auf ihren unschuldigen Wegen.

Zugleich kreist der Film auch allgemeiner um das Verhältnis von Gegenwart zu Geschichte und Kultur, sozusagen zu ihrem eigenen Untergrund. Undine erzählt bei ihren Führungen, dass Berlin auf einer Sumpflandschaft erbaut wurde, zeigt beispielhaft auf, wie die Architektur von fehlendem oder wählerischem Traditionsbewusstsein geprägt ist. Doch wie in der Liebe käme es auch im Stadtbild auf die richtige Mischung von Veränderung und Bewahren an und ob sich darin Tiefe spiegelt.

Fazit: Paula Beer und Franz Rogowski spielen in Christian Petzolds Drama ein Paar, das einem schicksalhaften Mythos den Zauber der Liebe entgegensetzt. In einem von ihren Herzen bestimmten Takt tänzeln sie zart beschützt und zugleich verloren zwischen zwei Welten, einem magischen und einem in der Berliner Gegenwart verhafteten Realismus. Der Zwittercharakter der Geschichte, in der es auch um das Verhältnis der Stadtarchitektur zur Vergangenheit geht, gibt ihr eine nüchterne Bescheidenheit, die von Tauchgängen in einen unergründlichen Stausee durchbrochen wird. Das eigenwillige Duett von Mensch und Mythos, Freiheitswillen und archaischen Fesseln regt mit seiner merkwürdig verhaltenen Romantik zum Nachdenken an.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.