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Kritik: Ammonite (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der britische Regisseur und Drehbuchautor Francis Lee ("God’s Own Country") hat dieses fiktionale lesbische Liebesdrama um reale Personen gestrickt. Mary Anning gilt als eine der ersten Paläontologinnen weltweit, die mit ihren bedeutenden Fossilienfunden schon zu Lebzeiten über die Grenzen ihres Landes berühmt wurde. So grub sie, die nie eine wissenschaftliche Ausbildung genossen hatte, beispielsweise in jahrelanger Arbeit das erste entdeckte fossile Skelett eines Plesiosaurus dolichodeirus aus. Mit Charlotte Murchison, der Gattin des Geologen Roderick Murchison, die ebenfalls Fossilien sammelte, soll sie 1825 eine Weile an der Küste von Lyme Regis gemeinsam auf Erkundung gegangen sein.

In der leidenschaftlichen Liebesbeziehung, die Lee den beiden Frauen andichtet, spiegelt sich die Unfreiheit der Frau in der damaligen Gesellschaft. Mary Anning rackert sich unter der Fuchtel ihrer verhärmten Mutter ab. Charlotte wird von ihrem Gatten herumkommandiert und in ihrem Leid buchstäblich alleingelassen. Wenn sich diese zwei ungleichen Frauen anschauen und Zuneigung schenken, streifen sie die Folgen sozialer Unterdrückung und Missachtung ab. Ihr Aufblühen wird sehr verhalten geschildert. So erreicht das Drama niemals die wilde, bedingungslose Intensität von Céline Sciammas "Porträt einer jungen Frau" aus dem Jahr 2019.

Dennoch hat der Film seine Reize. Sie sind hauptsächlich Kate Winslets hervorragendem Spiel zu verdanken. Die gedrückt wirkende, auf Funktionieren geeichte Mary verrät ihr Begehren, ihre Sehnsucht in scheuen Blicken, die zugleich auch schon Vergeblichkeit vermuten. Saoirse Ronan spielt als jüngere Charlotte einen Charakter, der nach überwundenem Leiden unbekümmert und fröhlich anmutet. Aber sie bleibt eine Person, die anders als die reale, naturwissenschaftlich aktive Charlotte Murchison über spontanes Interesse hinaus offenbar nicht weiß, womit sie sich beschäftigen soll.

Zum verhaltenen Ton des Dramas passt, dass einige Themen nur angeschnitten, aber nicht zu Ende erklärt werden. So ähneln einige Beziehungen Marys und Charlottes zu anderen Personen einem halbleeren Blatt, das erst die Fantasie des Publikums ausfüllen müsste. Die Landschaftsaufnahmen an der rauen, steinigen Küste strahlen hingegen eine Kraft aus, die das Drama jenseits der Worte nährt.

Fazit: Indem Regisseur und Drehbuchautor Francis Lee der englischen Paläontologin Mary Anning eine lesbische Beziehung andichtet, verdeutlicht er die sozialen Fesseln, die Frauen in der Mitte des 19. Jahrhunderts auferlegt waren. Kate Winslet spielt die Forscherin bewegend als einsame, von wirtschaftlicher Not und fehlender Zuneigung gedrückte Person, die sich sehr zaghaft für die Liebe öffnet. Saoirse Ronan stellt die Entwicklung einer vernachlässigten Ehefrau, die dank Mary aus der Isolation findet und sie mit frischer Fröhlichkeit beschenkt, ebenfalls reizvoll dar. Aber das Drama bleibt auffallend geprägt von der verhaltenen Atmosphäre, hinter der sich die Leidenschaft ihren Weg bahnen muss.




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