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Last Duel
Last Duel
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Kritik: Last Duel (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Zu Beginn die Dinge, die an "Last Duel" funktionieren: Ridley Scott hat sein Regie-Talent auch im hohen Alter nicht verlernt, Kampf- und Schlachtszenen erinnern an inszenatorische Großtaten wie "Gladiator" und das Finale ist schon recht gut gemacht. Darstellerisch überzeugt Adam Driver, Ben Affleck legt als d'Alencon eine amüsante und tolle Leistung hin. Und die ersten beiden Drittel des Films sind versiert geschrieben, nuanciert dargestellt, großes Kino.

Das Problem beginnt damit, dass Teil 3 - die Vorfälle aus Sicht Marguerite de Carrouges - mit "Die Wahrheit" tituliert wird, während die beiden vorangegangen Teile mit "...aus Sicht von Carrouges/Le Gris" angekündigt werden. Es stellt sich die Frage, warum man sich die Mühe gibt, diese Perspektiven zu erzählen, wenn die einzig gültige die letzte ist. Seltsam ist daran auch, dass alle Perspektiven im Grunde dasselbe darstellen: Die Vergewaltigung an Marguerite findet in jedem der drei Teile statt, sie ist unbestritten, und auch der Hergang ist mehr oder weniger der selbe. Wollte man damit dialektisches Erzählen üben, sind die Autoren einem Missverständnis aufgesessen: Denn die verschiedenen Perspektiven ergeben nicht als These und Antithese eine Synthese, hier ist die Antithese die einzig gültige These und eine Verständigung und ein Austausch über diverse Perspektiven ist nicht mehr möglich. Sprich: Marguerites Sicht ist die einzig zulässige, während die beiden vorangegangenen - und damit zwei Drittel des Films - erzählerisch und tonal diskreditiert werden. Die Frage müssen sich die Verantwortlichen gefallen lassen, warum sie denn überhaupt vorgeben, eine Geschichte aus 3 Sichtweisen zu erzählen, wenn zwei davon falsch sind.

Das Ganze würde dann noch Sinn machen, wenn wir etwa auch in Teil 1 oder Teil 2 "subjektive" Perspektiven sehen würden, die vom individuellen Empfinden der Charaktere geprägt wären. Etwa die Verleugung von Le Gris seines Übergriffs, der Glaube, dass alles "ganz anders passiert sei", sie es ja "auch gewollt" hätte, wie er offenbar meint. In seinem Kopf mag sich das so abgespielt haben, wir sehen das aber in der ihm zugeschriebenen Perspektive nicht, sondern aus objektiver Sicht und von einem allwissenden Erzähler berichtet. Selbes gilt für die "Perspektive" Carrouges'.

Die Vermutung liegt nahe, dass die Hauptaussage von "Last Duel" sein möchte, einzig die "weibliche Perspektive" ist wahr, wichtig und richtig. Das ist zulässig, ändert aber nichts an der tonalen Unstimmigkeit und dem Faktum, dass wir hier zwei völlig unterschiedliche Filme sehen, die nicht zueinander passen. Auch wenn man das als radikal-feministisches Statement verstehen möchte - es funktioniert trotz allem in der Form hier nicht, da zwei Drittel von "Last Duel" einen nuancierten Ton treffen, während ein Drittel sich mit einer radikal-subjektiven Sicht begnügt, die kein Interesse an grauen Zwischentönen zeigt. Man könnte das Gedankenexperiment anstellen, wie es zum finalen Drehbuch kam: Oscar-Preisträger Matt Damon und Ben Affleck schreiben Teil 1 und 2, Nicole Holofcener Teil 3, unabhängig voneinander, ohne Austausch, ohne Abstimmung. Mit dem Resultat: 2 Filme in einem, die nicht zueinander passen.

Fazit: Rein optisch und inszenatorisch gut gelungen und teilweise überzeugend gespielt, scheitert "Last Duel" an einer tonalen Unstimmigkeit, die sich auch nach eingehender Betrachtung und Analyse nicht auflösen möchte. Es wäre besser gewesen, zwei Filme aus dem Stoff zu drehen: Einen Mainstream-Hollywoodfilm über eine gescheiterte Freundschaft mit schönen Schlachtszenen, Blut und Bombast und einen progressiven Indie-Film mit feministischer Schlagseite über weibliche Emanzipation im Mittelalter. Beides in einem geht sich nicht aus, vor allem dann nicht, wenn die beiden Zugänge wie hier so gar nicht zueinander passen wollen.




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