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Kritik: The Ice Road (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Eigentlich wollte Liam Neeson die Actionrollen schon vor Jahren an den Nagel hängen. Aber anscheinend bekommt der 1952 geborene Nordire keine anderen mehr angeboten. Und so prügelt sich der 1,93 Meter große Hüne, der inzwischen stramm auf die 70 zugeht, weiterhin in Zügen ("The Commuter", 2018) oder im Schnee ("Hard Powder", 2019), versucht sich als ehrlicher Einbrecher ("Honest Thief", 2020) oder packt als Rancher seine alten Scharfschützen-Künste aus, um einen Jungen zu beschützen ("The Marksmann", 2021). Das sieht oft ungelenk aus, weil die alten Knochen nicht mehr richtig mitspielen. In "The Ice Road" macht Neeson hingegen eine deutlich bessere Figur. Hier ist nicht nur die Rolle seinem Alter angepasst, auch der Film kommt ausgesprochen oldschool daher.

Ab der ersten Minute fühlt sich dieser eisige Actionthriller wie ein Ausflug in die 90er-Jahre an. Das hat mit Regisseur und Drehbuchautor Jonathan Hensleigh zu tun, der nicht nur seine größten Erfolge als Autor ("Stirb langsam – Jetzt erst recht", "Jumanji", "Armageddon") im Jahrzehnt von Love Parade und Arschgeweih feierte, sondern seine Drehbücher bis heute so schreibt. Will heißen: Weder steigt er mit einem großen, das Ende vorwegnehmenden Knall ein, um dann in der Geschichte zurückzublenden, noch hetzt er durch die Handlung. "The Ice Road" fühlt sich schon allein deshalb so altvertraut an, weil Hensleigh sich die nötige Zeit nimmt, um seine Geschichte und Figuren zu etablieren. Dass es sich dabei um ein Grubenunglück handelt, dem nur mit einem Himmelfahrtskommando aus Allerweltsmenschen beizukommen ist, verstärkt den Nostalgiefaktor.

Leider hält Hensleigh, der als Regisseur zuletzt vor zehn Jahren einen Film ins Kino brachte, diese Ruhe nicht durch. Schon die erste Actionsequenz auf dem Eis, wenn der von Laurence Fishburne gespielte Trucker in die Bredouille gerät, ist viel zu hastig exekutiert. Dadurch geht jegliche Spannung verloren. Ein wenig wirkt diese Sequenz aber so, als sei hier deutlich mehr Material gedreht worden und am Ende dem Schneidetisch zum Opfer gefallen. Es bleibt also abzuwarten, ob es irgendwann einen Director's Cut geben wird, der in den entscheidenden Momenten etwas länger verweilt, um die nötige Spannung aufzubauen.

Die Ausgangslage zumindest ist spannend und im Kino mal etwas anderes. Nach dem Erfolg der TV-Doku-Serie "Ice Road Truckers" (2007-2017) war es vielleicht auch an der Zeit, diesen Stoff auf die große Leinwand zu hieven. Liam Neeson, der leider viel zu selten engagierte Marcus Thomas und Amber Midthunder machen eine gute Figur. Wer damit leben kann, dass die Actionszenen und die darin verwendeten Effekte nicht in der ersten Liga spielen und die Handlung die für das Genre üblichen Ungereimtheiten mit sich bringt, wird ordentlich unterhalten.

Ein eisiger Actionfilm, in dem einfache Männer Helden spielen dürfen. Mit dem zeitgenössischen Kino, in dem jeder Held bereits im normalen Leben ein unbesiegbarer Supermensch oder ein gestählter Superagent ist, hat das wenig zu tun. Und mit Amber Midthunders Figur ist auch eine tatkräftige und schlagkräftige Heldin mit von der Partie. Ganz so oldschool kommt "The Ice Road" am Ende also doch nicht daher.

Fazit: Jonathan Hensleigh hat einen eisigen Actionfilm gedreht, der aus den 1990ern zu stammen scheint. Die Handlung und Action sind im besten Sinne oldschool. Und immerhin ist neben dem alten Knochen Liam Neeson mit Amber Midthunder auch eine Heldin mit von der Partie. Selbst wenn "The Ice Road" weit entfernt von den Topproduktionen des Genres ist, bietet er ordentliche Unterhaltung.




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