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Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3
Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3
© 2009 Sony Pictures Releasing GmbH

Kritik: Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3 (2009)


Zum vierten Mal arbeitet der "kleine Scott" nun schon mit seinem Lieblingsschauspieler Denzel Washington zusammen. Nach "Crimson Tide" (1995), "Mann unter Feuer" (2004) und zuletzt "Deja Vu – Wettlauf gegen die Zeit" (2006) folgt jetzt das Remake eines absoluten Klassikers des Entführungsthrillers: "Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123"(1974). Es war damals eigentlich die Zeit der großen Katastrophenfilme, und obwohl dieser Film einiges von deren Atmosphäre erbte, hebt er sich allein schon durch seine klare antagonistische Struktur ab. Es ist zwar nicht gleich der elementare Kampf Gut gegen Böse, zumindest aber das Duell eines rechtschaffenen Zynikers mit einem gerissenen und skrupellosen Verbrecher.

1974 standen sich der großartige Walter Matthau ("Ein seltsames Paar", "Buddy, Buddy", "I.Q. – Liebe ist relativ") und der grimmige Robert Shaw ("Der weiße Hai", "Der Clou", "Lawinenexpress") gegenüber. 35 Jahre später erben zwei der ganz großen aus der Filmschmiede Hollywoods deren Rollen: Der auf Gutmensch abonnierte Denzel Washington tritt die Nachfolge Matthaus an, an die Stelle Shaws gelangt mit John Travolta jemand, der nicht zum ersten Mal die Rolle eines Finsterlings übernimmt. Eine Paarung zweier sehr unterschiedlicher Schauspielertypen, die durchaus ihren Reiz haben kann und viel versprechend anmutet.

An der Story hat sich prinzipiell wenig geändert: Erneut wird unter den Füßen der New Yorker Bürger eine U-Bahn von vier zu allem entschlossen Männern entführt: Es ist die Linie Pelham-123. Der Boss der Truppe, der sich Ryder (John Travolta) nennt, spricht mit der Leitstelle und verlangt zehn Millionen Dollar Lösegeld für die 17 Geiseln. Genau eine Stunde Zeit haben die Stadtoberen dem nachzukommen. Für jede Minute Verspätung wird er eine der Geiseln töten. Eine Aussage, die keine leere Drohung ist, wie er unmittelbar bereit ist, zu demonstrieren. Am anderen Ende des Mikros, in der Verkehrsleitzentrale, sitzt James Garber (Denzel Washington) und versucht einen kühlen Kopf zu bewahren. Normalerweise leitet er den Laden, seit aber gegen ihn wegen des Vorwurfs der Bestechlichkeit ermittelt wird, macht er den Job eines 08/15-Mitarbeiters.

Tony Scott, der jüngere Bruder des Kult-Regisseurs Ridley Scott, nahm sich der "Modernisierung" des Klassikers an. Und obwohl möglicherweise nicht ganz so bekannt, wie sein Bruder; und vielleicht eher berüchtigt, wegen Streifen wie dem US-Air-Force-Werbespot "Top Gun", hat man ihm durchaus intelligente Filme wie "Falling Down", "Spy Game" und den tarantinoesken "True Romance" zu verdanken. Sein größtes Manko ist womöglich, dass es ihm – besonders im Vergleich zum Bruder – und trotz der cineastischen Vielfältigkeit, mit der er aufwartet, nicht gelang, einen eigenständigen Stil zu etablieren. Oder es war ihm eben genau wegen seiner Universalität nicht möglich dies zu erreichen. Wie dem auch sei: Kommerziell erfolgreich sind fast alle seine Filme, auch wenn seine Arbeiten bis jetzt keinen besonderen Wiedererkennungswert haben. Mit "Deja Vu" begann er immerhin an einer markanten Optik und einem visuell ausgefallenen Stil zu arbeiten. Und mit "Pelham 123" setzt er dies nicht nur konsequent fort, sondern präsentiert über weite Strecken ein stroboskopisches Bildgewitter, dessen überstimulierende Wirkung allerdings nicht zwangläufig hypnotisch in den Bahn zieht, sondern mitunter genau das Gegenteil bewirkt. Zu hektisch, zu stakkatoartig prasseln Bilder einer eigenwilligen ästhetischen Komposition auf den Zuschauer ein und lenken von einer Geschichte ab, die in ihrer Bemühung sich vom Purismus der 70er zu lösen, mit ambivalenten dramaturgischen Pointen aufwartet.

Da ist es noch vernachlässigbar, dass sich die Lösegeldforderung von 1974 bis jetzt glatt verzehnfacht (was sollen auch die armen Kriminellen in Zeiten der globalen Wirtschaftkrise mit lediglich einer Million Dollar anzufangen wissen). Schwerer wiegt der Versuch der Story merkwürdigen Drama-Attitüden zu verpassen. Waren bei Matthau und Shaw die Polaritäten klar abgegrenzt, wurde nun dem Washington-Garber eine kleine Unehrenhaftigkeit angedichtet, damit er sich psychologisch näher an seinen Widersacher heranwagen kann. Und natürlich ist dieser auch nur dadurch vollends verkorkst, dass ihm in seiner Vergangenheit das Schicksal manch einen Niederschlag verpasste, der zu einem moralverlustigen Dominoeffekt führte. Es ist die alte Leier: "Bruder auf der anderen Seite, hätte ich dein Leben gelebt, wäre ich vielleicht auch so geworden". Diese schmalspurpsychologischen Seelenkonstrukte, die schon zu einigen Täter-Opfer-Verdrehungen führten, sind so hipp, wie sie überflüssig sind. Glücklicherweise beschränkt sich das Motiv hier auf eine beiläufige Facette, die aber deutlich für Störeffekt sorgt.

Fazit: Eine Neuauflage, die nicht wirklich gefällig daherkommt. Die Rundummodernisierung trägt Blüten, die zwar in der Evolution der Bedrohungs- und Terrorszenarien der letzten Jahrzehnte und insbesondere der Post-9/11-Ära durchaus nachvollziehbar sind, aber die Subtilität früherer Inszenierungen auch morden. Zum Ersatz und damit sich nicht alles auf die Oberfläche, die Action und die visuelle Umsetzung reduziert, häkeln die Macher den guten Jungs ein Innenleben mit dunklen Flecken und den bösen eine Psychologie, die eine gewisse "Sympathie for the Devil" möglich machen soll. So nett dies alles gemeint sein mag, so wenig lohnt es der Mühe.




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