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Kritik: Die Braut die sich nicht traut (1999)


Neun Jahre lang hat es gedauert, sie auf der Leinwand wieder zu vereinen: Julia Roberts, Richard Gere und Filmemacher Garry Marshall – das Erfolgsteam hinter der romantischen Komödie "Pretty Woman". Zunächst sollte es eine Fortsetzung des alten Stoffes werden, jedoch: Man konnte sich nicht auf ein Drehbuch einigen. Stattdessen mimen Gere und Roberts nun ein neues Traumpaar: er Kolumnist bei USA Today, sie eine brave Kleinstadtschönheit.

Dabei wird nichts dem Zufall überlassen: "Die Braut, die sich nicht traut" ist schamlos manipulativ, durchweg vorhersehbar und seicht – ein Zuckergussgebilde Marke Hollywood, das einer altbewährten Formel folgt. Verlogen wird das Loblied auf die gute alte Zeit gepredigt: Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Dagegen wirkt selbst "Aschenputtel" subversiv, obwohl – das sei der Fairness halber angemerkt – der Film zumindest bei den Nebenrollen mit Joan Cusack und Hector Elizondo für ein wenig Pfeffer sorgt.

Jedoch: Die Kritiker verstummen schnell, denn diesem Film verzeiht man einfach alles. Der Grund dafür, na klar, sind seine beiden Hauptdarsteller, die sich mit Charme und Spielfreude perfekt ergänzen und uns, das Publikum, im Nu für sich gewinnen. Natürlich hetzt der Regisseur die beiden Helden erst einmal gegeneinander auf, jedoch besteht von Anfang an nicht der geringste Zweifel daran, dass sie sich schließlich kriegen werden.

Und dann fühlt man sich richtig gut.

Rico Pfirstinger

Es gibt eine bestimmte Szenenfolge, die spätestens seit "Harry und Sally" jede romantische Komödie schmückt. Kurze Episoden werden unter gefälliger Musik zusammengeschnitten, damit wir in Kürze ganze Lebensabschnitte des werdenden Paares mitverfolgen können. So abgenutzt dieses Mittel erscheinen mag: In vielen Filmen erwarten wir sie regelrecht, wollen wir uns doch wohlig zurücklehnen, um zu betrachten, wie die Dinge den von uns gewünschten Verlauf nehmen.

In "Die Braut, die sich nicht traut" ist dies anders. Es interessiert nicht, was da auf der Leinwand geschieht. Abgesehen von manchen Gags mag nichts mitreißen. Was macht dieser Film falsch?

Die Geschichte ist so weit hergeholt und unrealistisch, wie bei jeder anderen Romanze auch. Der gutaussehende aber äußerst selbstverliebte Kollumnist Ike Graham schreibt einen unschönen Text auf "die Braut, die sich nicht traut". Diese heißt Maggie und ist schon mehrfach vor den Altar getreten, um jedesmal fluchtartig wieder zu verschwinden. Da er nicht genug recherchiert hatte, fliegt er aus seinem Job (die Anwälte drohen seiner Zeitung den Gar auszumachen). Um sich somit zu rehabilitieren, reist er in die Kleinstadt, in der Maggie wohnt, um dort Material für eine Enthüllungsreportage über sie zu finden.

Natürlich wissen wir schon seit den ersten Vorankündigungsplakaten, dass sich die beiden am Ende in den Armen liegen werden. Wir wissen auch um die meisten Konstrukte, ja sogar um die Funktionen der einzelnen Nebenfiguren. Das alles ist nicht das große Problem. Wir müssen es wissen.


Der Fehler liegt an einer ganz anderen Stelle. Der Film versteht es weder eine Atmosphäre aufzubauen, noch gibt er seinen beiden Hauptfiguren auch nur den Ansatz einer Kontur. Warum verlieben sich die beiden ineinander? Haben sie irgendwelche Gemeinsamkeiten? Wie steht es mit Andeutungen, dass die beiden so verschieden gar nicht sind? Es fehlt an allem. Der einzige Grund, warum die beiden zusammengehören, ist wohl die Besetzung.

Die beiden Hauptfiguren werden kaum einmal differenziert. Während der böszüngige New Yorker von Richard Gere hervorragend ausgefüllt wird, fehlt es Glamour-Girl Julia Roberts an jeglicher Substanz. War sie in "Pretty Woman" noch unterschwellig ein zu entdeckendes Sternchen und erst letztlich in "Notting Hill" auch nominell ein großer Star, so soll sie hier eine unentdeckte, bodenständige Intelligente darstellen. Diese Figur passt aber nicht zu der immer durchscheinenden glamourösen Ausstrahlung. Hinzu kommen eher unterdurchschnittliche Dialogzeilen, die dem gepfefferten Feuerwerk Geres nicht das geringste entgegenzusetzen haben.

Es ist bezeichnend, dass der Zynismus von "Die Braut, die sich nicht traut" wenigstens ansatzweise sogar funktioniert, die romantische Schiene aber jeden Moment versagt. Es kann wohl nichts schlimmeres geben, als ein Film, der soviel Manipulation beinhaltet (hier lachen, da heulen) und dies dem Zuschauer auch noch offenbart. Wenn man mitgeht, kann es kaum etwas schöneres im Kino geben, sieht man es aber aus der Distanz – und genau das tut man bei diesem Film - erschreckt es schon, wie dreist hier vorgegangen wurde.

Es gibt eine Szene, die den Film besser als alles andere umschreibt: Wir sehen einen Verkäufer von T-Shirts, der deren aufgedruckte dumme Sprüche als Werke größten Humors verkaufen möchte. Danach schneidet Marshall auf eine Dartscheibe, die von einem Pfeil verfehlt wird: Treffer, Herr Marshall, voll versenkt.




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