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Kritik: Die Blechtrommel (1979)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Volker Schlöndorff ist der Literat unter den Regisseuren des Neuen Deutschen Films. Man muss lange suchen, um in seinem umfangreichen Werk einen Originalstoff zu finden. In seiner inzwischen 60-jährigen Karriere hat der 1939 geborene Hesse, der das Regiehandwerk in Frankreich erlernte, literarische Schwergewichte wie Heinrich von Kleist, Marcel Proust, Robert Musil, Arthur Miller, Margaret Atwood, Marguerite Yourcenar, Bertolt Brecht, Max Frisch oder Heinrich Böll verfilmt.

Schlöndorffs wohl bekanntestes Drama stammt jedoch von einem anderen deutschen Literaturnobelpreisträger. Die Adaption von Günter Grass' wohl bekanntestem Roman "Die Blechtrommel" (1959) brachte Schlöndorff 1979 die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes und ein Jahr später den Oscar als bester fremdsprachiger Film ein. 40 Jahre ist das nun her. Zur Feier des Oscargewinns, der dem Regisseur den internationalen Durchbruch bescherte, kommt "Die Blechtrommel" (1979) nun noch einmal in einer restaurierten 4K-Fassung in die Kinos.

Die neue Version kann sich sehen lassen. Wovon diese Adaption aber nach wie vor lebt, sind die schon im Original originelle, schelmische, groteske und mit großer Geste und symbolischen Bildern erzählte Geschichte sowie ein Ensemble, das bis in die kleinste Nebenrolle nicht nur hervorragend besetzt ist, sondern auch herausragende Leistungen zeigt. David Bennent legt als Oskar Matzerath eine umwerfende Performance hin. Internationale Rollen etwa in Ridley Scotts "Legende" (1985) waren die Folge. In den Nebenrollen glänzen Mario Adorf, Angela Winkler, Katharina Thalbach und Daniel Olbrychski. Andréa Ferréol und David Bennents Vater Heinz wissen ebenfalls zu überzeugen. In Erinnerung geblieben sind besonders die Szenen zwischen Oskar und der von Thalbach gespielten Maria am Strand, die Jahre später in den USA für eine Kontroverse sorgten, sowie die Sequenz, in der sich Winkler als Oskars Mutter Agnes mit Fisch zu Tode isst. Schon im Roman eine eindrückliche Stelle.

Aus einem Roman, der in der Taschenbuchausgabe beinahe 900 Seiten umfasst, einen Film zu machen, grenzt an ein Ding der Unmöglichkeit. Mit den finanziellen und künstlerischen Möglichkeiten des Fernsehens böte sich heutzutage eher eine mehrteilige Serie an. Doch Schlöndorff schafft es, in dem von ihm selbst, Jean-Claude Carrière und Franz Seitz verfassten Drehbuch, die Essenz des Romans zu konservieren. Hilfreich war sicherlich auch die Zusammenarbeit mit Grass, der bei den Dreharbeiten vor Ort war und zusätzliche Dialoge beisteuerte. Wie dessen Jahrhundertroman ist auch die Verfilmung eine Geschichte über komplizierte Familienverhältnisse, unerfüllte Liebe, kleinbürgerlichen Mief und über den Umgang mit dem Faschismus, dem man wie Oskar mit Trotz und Groteske oder wie Oskars Vater Alfred mit Opportunismus begegnen kann, bis man sich wortwörtlich daran verschluckt.

"Die Blechtrommel" ist ein Muss für jeden Film- und Literaturfan. Wer das Drama noch nicht kennt oder noch nicht im Kino gesehen hat, sollte die Gelegenheit nutzen. Gerade auf der großen Leinwand entfaltet dieses aberwitzige Schelmenstück noch einmal eine ganz andere Wucht als auf dem heimischen Fernsehschirm.

Fazit: Auch 40 Jahre nach seinem Oscargewinn, dem ersten Auslandsoscar für einen deutschen Film überhaupt, hat Volker Schlöndorffs Verfilmung des gleichnamigen Romans von Günter Grass nichts von ihrer Kraft eingebüßt. Wer das Drama noch nicht kennt oder noch nicht im Kino gesehen hat, sollte die Gelegenheit nutzen.




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