VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Ich & Kaminski (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Daniel Kehlmanns Roman "Ich und Kaminski" aus dem Jahr 2003 dient dem Regisseur Wolfgang Becker ("Good Bye, Lenin!") als Vorlage für ein Buddy-Movie, das emotional berührt und ideenreich inszeniert ist. Nicht nur den beiden Hauptdarstellern Daniel Brühl und Jesper Christensen, sondern auch dem Publikum bereitet es diebisches Vergnügen, wie sich der junge Kunstkritiker Sebastian Zöllner und der alte Maler Manuel Kaminski in ein Kräftemessen mit ungeahnten Folgen verstricken.

Buddy- und Roadmovies gibt es zuhauf, aber dabei passiert immer seltener das, was sie im Grunde ausmachen soll: Ihre beiden Protagonisten beginnen in der gemeinsamen Auseinandersetzung, sich und die Welt anders zu sehen und der Zuschauer erlebt das so aufwühlend mit, als hätte er selbst eine Entdeckungsreise unternommen. Hier nun tritt dieser selten gewordene Glücksfall wieder ein. Kaminski erzählt Sebastian die Geschichte von einem östlichen Meister, dem ein Schüler lange still ergeben folgte. Schließlich aber beklagte er sich: "Ich habe nichts!", worauf der Meister endlich zu ihm sprach: "Wirf es weg!"

Sebastian Zöllner ist ein jungdynamischer Möchtegern, dessen Selbstvertrauen in groteskem Missverhältnis zu seinem Wissen steht. Die Rolle ist für den braven Daniel Brühl eigentlich ungewohnt, aber er spielt sie glaubhaft und unterstützt durch ein Voice-Over, das der boshaften Frechheit seines Charakters ab und zu noch direkter Ausdruck verleiht. Sein Gegenüber ist bereits gebrechlich, aber der Däne Jesper Christensen verleiht Manuel Kaminski eine hellwache, lauernde Präsenz, die sich gelegentlich in einem anerkennenden Grinsen für Sebastian manifestiert. Sebastian hofft ständig, Geheimnissen auf die Spur zu kommen, aber immer, wenn er das Diktiergerät einschaltet, kommt es prompt zu keinem Geständnis. Auch Kaminski jagt einer Chimäre hinterher, die fast sein ganzes Leben überschattete.

Becker inszeniert die Stationen dieser Beziehung mit Humor, was der Buchvorlage entspricht, und er peppt die Geschichte zusätzlich auf, indem er kleine Rückblenden und Traumsequenzen einstreut, die den Erzählfluss aufmischen. Die innere Reise verläuft zum Teil verdeckt und überrascht, indem sie in ihrem sichtbaren Teil relativ unspektakulär bleibt. Aber darin liegt die aufregende Erkenntnis, dass Menschen sich oft an eine Idee, eine Interpretation oder Vorstellung klammern, die ihre Wahrnehmung stark beeinträchtigt. Es gibt wenig, was man dieser luftig-leichten und doch so gehaltvollen Inszenierung vorwerfen kann. Zum Beispiel die Unsitte, einen alten Menschen im Morgenrock auf die Reise durch mehrere Länder zu schicken.

Fazit: Wolfgang Becker verfilmt den gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmann zu einem berührenden und humorvollen Buddy- und Roadmovie. Daniel Brühl und Jesper Christensen spielen das ungleiche Gespann eines jungen Kritikers und eines alten Malers, die aus den eingefahrenen Gleisen ausbrechen, mit einer Ausdruckskraft, die innere Vorgänge spürbar werden lässt.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.