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Saint Amour mit Gerard Depardieu und Benoît Poelvoorde
Saint Amour mit Gerard Depardieu und Benoît Poelvoorde
© Roger Arpajou

Berlinale Tagebuch 2016: Voller Körpereinsatz im Palast

9. Tag: Kein Bären-Geruch bei letzten Wettbewerbsfilmen

Kleiner Lauschangriff am Rande der 66. Berlinale: Die holländische Sprache hört sich noch putziger an, wenn alle paar Worte ein "JudeLaw" eingeflochten wird. Ansonsten liegt der Reiz eines solchen Festivals neben der Wundertüte an Filmen aus aller Welt sowieso in der Internationalität des Publikums und der Presse. Die beiden Koreanerinnen, die sich verwundert anschauen, weil bei dem französischen Drama "L'avenir" der Saal lacht, sie aber den subtilen, wohl eher europäischen Reaktionsmoment auf der Leinwand nicht nachvollziehen können. Die russische Kollegin, die darum bittet, auf ihrem mit kyrillischen Buchstaben arbeitenden Handy das Berlinale-W-LAN einzurichten. Das chinesische Paar, bei dem der Mann erklärt, an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz studiert zu haben. Weitere Beobachtung im Berlinale-Fundbüro: Brillen sind das meistvergessene Utensil der Festspiele.

Am Freitag wurden die letzten drei Wettbewerbsbeiträge gezeigt, davon einer außer Konkurrenz. Man lehnt sich wohl nicht allzu sehr aus dem Fenster, wenn man feststellt, dass keiner dieser Filme den voraussichtlichen Favoritenstatus des italienischen Dokumentarfilms "Fuocoammare" im Rennen um den Goldenen Bären wird gefährden können. Auf jeden Fall wurde das Quantum an Sexszenen, das am Vortag selbst bei dem Acht Stunden-Mammutfilm "Hele Sa Hiwagang Hapis" nur sehr am Rande bedient wurde, ordentlich aufgefüllt. Nun hieß es: Voller Körpereinsatz im Berlinale-Palast.

Am Morgen ging es mit dem polnischen Drama "Zjednoczone stany milosci" (Vereinigte Staaten der Liebe) los. Dass Regisseur und Drehbuchautor Tomasz Wasilewski den Titel eher ironisch meint, wird schnell klar: Bei der in monochromen Farben gehaltenen, in der winterlichen polnischen Provinz spielenden Geschichte der Nachwendezeit 1990 geht es vielmehr um unerfüllte Liebe und eher freudlos anmutenden Sex. Das Aufkommen von Video und der Konsum von Sexvideos stacheln den Appetit an, aber eben nicht auf den eigenen Lebenspartner, sondern auf unerreichbare Subjekte in der Nachbarschaft wie den katholischen Pfarrer, den verheirateten Ehemann oder die wesentlich jüngere Nachbarin.

Nicht ohne Witz und inszenatorisch geschickt verwebt Wasilewski vier Geschichten, in denen die Frauenrollen im Mittelpunkt stehen, miteinander. Das Ensemble-Geschehen auf der Leinwand mutet dabei realistisch an, die Dialoge lebensecht. Aber einen großen Spannungsbogen bieten die einzelnen Episoden letztlich nicht, werden teilweise auch in der Luft hängen gelassen, so dass - als das trostlose, traurige Schlussbild vom Abspann abgelöst wird - sich ein eher unbefriedigtes Gefühl breit macht.

Ganz anders und doch recht ähnlich dann das Kontrastprogramm am Mittag: Außer Konkurrenz läuft die französische Komödie "Saint Amour" mit Starbesetzung: Gerard Depardieu und Benoit Poelvoorde sind in den Hauptrollen als Vater und Sohn zu sehen, die sich zu Beginn nicht viel zu sagen haben: Depardieu spielt einen Landwirt, der nach dem Tod seiner Frau von der Arbeit nicht lassen kann und seinen Sohn, der den bäuerlichen Betrieb aufgeben will, überzeugen will weiterzumachen. An einem Wochenende unternehmen die Beiden mit einem angeheuerten jungen Taxifahrer eine Tour durch die französischen Weingebiete, um sich näherzukommen (Vater) und sich volllaufen zu lassen (Sohn). Ständiger Begleiter: Das Sehnen nach einem weiblichen Gegenpart.

Das Regieduo Gustave Kervern und Benoît Delépine sorgt in seinem siebten gemeinsamen Werk für einige Lacher und ein paar anrührende Momente - und führen dem Trio auch einige Damenbekanntschaften zu, die für sexuelle Aktivitäten sorgen. Leider ist ihr Film, wenn er nicht vorhersehbar ist, in den überraschenden Momenten ein bisschen zu skurril geraten - von realistischem menschlichen Verhalten führt er dann so weit weg, dass die Glaubwürdigkeit, die für die Entfaltung der Vater-Sohn-Geschichte nötig ist, immer wieder Schaden nimmt. So schlingert der Streifen weinbeseelt dahin - sicherlich liebenswert, aber nicht besonders erinnerungswürdig. Für beide Produktionen setzte es am Schluss freundlichen Applaus.

Der Wettbewerb endete dann für unseren Kritiker Gregor Torinus am Nachmittag mit einem Paukenschlag mit Mani Haghighi's surrealem iranischen Krimi mit dem internationalen Titel "A Dragon Arrives!" Die von wahren Ereignissen inspirierte Handlung verwebt wahre Ereignisse und reine Imagination zu einem unentwirrbaren groteskem Ganzen. Der Film beginnt am 22. Januar 1965 - am Vortag wurde der iranische Premierminister erschossen - mit besagtem Paukenschlag beziehungsweise Paukenschlägen auf der Tonspur und einem Bild von einem orangefarbenen Chevrolet Impala, der auf ein inmitten einer Wüste befindliches Schiffswrack zufährt. Im Inneren des Wracks hat sich ein verbannter politischer Gefangener aufgehängt, obwohl er in nur zwei Monaten begnadigt werden sollte. Die Wände sind voll mit vom Toten beschriebenen Blättern. Können diese Aufzeichnungen Kommissar Babak Hafizi bei seinen Ermittlungen hilfreich sein?

"A Dragon Arrives!" findet in seinen besten Momenten kraftvolle und oft absurde Bilder, welcher durch die eindringliche Soundkulisse in ihrer Wirkung noch deutlich gesteigert werden. Zu Gregor's Bedauern kann der streckenweise wirklich großartige innovative Film letzten Endes nicht ganz überzeugen, da er immer wieder für zu lange Zeit auf de Stelle tritt, wobei die zwischenzeitliche Euphorie des Zuschauers schnell gähnender Langeweile Platz machte.

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