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TV-Tips für Sonntag (12.6.): Eine neue Art von Anime

Arte zeigt "Akira"

Die Fernsehsender geben das Spiel gegen die deutsche Nationalelf am Sonntagabend von vornherein verloren - bis auf Arte, das mit einem Doppelpack von Anime vom Feinsten dagegen hält. Im Hauptprogramm strahlt man mit "Bis der Wind sich hebt", dem letzten Film des japanischen Genies Hayo Miyazaki, sogar eine Free TV-Premiere aus.

"Wie der Wind sich hebt", Arte, 20:15 Uhr

Ein Blick auf das Leben von Jiro Horikoshi (Stimme von Tim Knauer), dem Mann, der während des Zweiten Weltkriegs japanische Kampfflugzeuge entwarf.

Regisseur Hayao Miyazaki ist eine lebende Legende. Der Regisseur, der Meisterwerke wie "Prinzessin Mononoke" und "Chihiros Reise ins Zauberland" erschaffen hat, steht zusammen mit seinem Studio Ghibli für eine Qualität im japanischen Zeichentrickfilm, bei der in dieser Fülle wohl nur die Walt Disney Studios und Pixar in den USA mithalten können. Als der Maestro 2013 ankündigte, "Wie der Wind sich hebt" werde sein letztes Werk werden, zogen in Japan die Ticketverkäufe noch einmal an - und der Animationsstreifen wurde mit umgerechnet 75 Millionen Euro der erfolgreichste Film des Jahres im Land der aufgehenden Sonne.

Dabei war sich Miyazaki zunächst gar nicht sicher gewesen, ob er den Film überhaupt drehen sollte. 2008 hatte er sich entschlossen, die Lebensgeschichte des Flugzeugkonstrukteurs Jiro Horikoshi in einem Manga mit dem Titel "Kaze Tachinu" (Der Wind hebt sich) zu verarbeiten, der von April 2009 bis Januar 2010 im monatlich erscheinenden Magazin "Model Graphix" veröffentlicht wurde. Der Filmemacher hatte nicht die Absicht, daraus einen Film zu machen, sondern avisierte eine Fortsetzung zu seinem Erfolgsstreifen "Ponyo" an. "Kaze Tachinu" schien ihm nicht für Kinder geeignet.

Doch Produzent Toshio Suzuki überredete Miyazaki, das Werk doch anzugehen - man könne Kindern auch eine scheinbar erwachsene Geschichte zutrauen. Der Regisseur lenkte ein, auch weil er auf das Zitat "Alles, was ich wollte, war, etwas Schönes zu erschaffen" von Jiro Horikoshi gestoßen war, das ihn zu der richtigen Tonlage seines Streifens inspirierte. Für umgerechnet 30 Millionen Dollar entstand ein zum Schwanengesang des Regisseurs passender bittersüßer Film, der Kritiker und Publikum begeisterte. Weltweit spielte "Kaze tachinu" 136 Millionen Dollar ein.

Doch Hayao musste sich auch Kritik aus verschiedenen Richtungen gefallen lassen: Manche Kommentatoren - auch aus dem Land des ehemaligen Kriegsgegners Korea - fanden es verwerflich, einen Menschen zum Helden einer Geschichte zu machen, der im Krieg mitgeholfen hatte, durch seine Flugzeuge Tod und Vernichtung zu bringen. Der politischen Rechten wiederum gefiel nicht die kritische Darstellung des Krieges. Miyazaki verteidigte sich, indem er zwei Dinge trennte: Den Krieg verabscheue er als Pazifist selbst, aber das von Horikoshi gestaltete Flugzeug sei eine der technischen Errungenschaften, auf die Japan stolz sein dürfe - eine "beeindruckende Erscheinung am Himmel". Sein Film wolle Horikoshi's Hingabe für Technik und den Schaffensprozess abbilden und keine moralische Bewertung für das Handeln in Kriegszeiten darstellen.

Das Werk wurde für einen "Oscar" als "Bester Animationsfilm" und für einen Golden Globe als "Bester fremdsprachiger Film" nominiert. Bei den Japanischen Filmpreisen zeichnete man es als "Bester Animationsfilm" und Komponist Joe Hisaishi für die "Beste Musik" aus.

Kritiker Jason Best meinte in "Movie Talk": "Passend für einen Film, von dem Hayao Miyazaki sagt, es werde sein letzter sein, ist dies auch so etwas wie ein Selbstportrait in seiner Darstellung eines kurzsichtigen, arbeitsbeflissenen Träumers, dessen Vorstellungskraft die aller anderen überragt."



"Akira", Arte, 22:15 Uhr
Ein geheimes Militärprojekt gefährdet Neo-Tokio, als es das Mitglied einer Motorrad-Gang in einen tobenden Psychopathen verwandelt, der nur von zwei Kindern und einer Gruppe von Hellsehern aufgehalten werden kann.

Heute hat fast jede Buchhandlung eine Manga-Abteilung - und ein Grund dafür lautet "Akira". Der japanische Animationsfilm von 1988, der in der Folgezeit auch in europäischen und nordamerikanischen Lichtspielhäusern gezeigt wurde - die Berlinale räumte dem Werk 1989 Platz im "Forum Junger Film" ein - wurde nicht nur der erfolgreichste Film des Jahres 1988 in seinem Heimatland, sondern popularisierte sowohl den Maga als auch den Anime, den japanischen Zeichentrickfilm, im Westen und entwickelte sich rasch zum Kultfilm.

Dass dies "Akira" gelang, ist kein Zufall. Bis dahin war noch kein solcher Aufwand in eine Anime-Produktion investiert worden. Katsuhiro Ôtomo, der Autor des gleichnamigen Manga, hatte die Verfilmungsrechte an seinem Comic, der seit 1982 erschien, nur gegen die Zusicherung verkauft, dass er selbst mit uneingeschränkter künstlerischer Freiheit den Stoff für das Kino bearbeiten dürfe.

Diese Zusicherung erhielt er und machte als Regisseur und Drehbuchautor in einer Person weidlich Gebrauch davon - Geld spielte keine Rolle. Otomo verfasste mehrere Drehbuchfassungen, bis er zu einem über 700 Seiten starken Skript kam, das ihn zufrieden stellte. Mit diesem Drehbuch arbeiteten die Sprecher, welche die Dialoge einsprachen. Auch dies ungewöhnlich: Normalerweise drehte man in Japan erst den Film, auf den dann die Sprecher ihre Texte einsprachen. Mit der neuen Reihenfolge konnten die Zeichner die Mundbewegungen der Figuren nun genau dem gesprochenen Wort anpassen.

Auch bei den Zeichnungen unterschied sich die Produktion von bisherigen Anime, die für ihre billige Machart bekannt waren. Statt zum Beispiel nur unbewegliche Köpfe zu zeigen, in denen sich bloß der Mund bewegt, um Zeichnungen einzusparen, zeichneten die Graphiker nun 160 000 Folien, um flüssige und realistische Bewegungen zu erzeugen. Diese wurden von Computeranimationen ergänzt, welche zum Beispiel Lichteffekte animierten. Um mehr Schärfe und Brillanz zu erreichen, nutzte man statt 35mm den ultra-breiten 70mm-Film, was ebenfalls unüblich für einen Zeichentrickfilm war. Für die Komposition der Musik hatte Tsutomu Ōhashi ein üppiges halbes Jahr Zeit.

Die vielen experimentellen Effekte, die technische Exzellenz, die phänomenale Animation, die schiere kinetische Energie und die Kombination von traditionellen Zeichnungen und Computeranimationen verblüfften die Zuschauer, und für das jüngere Publikum war die Einnahme der jugendlichen Perspektive reizvoll. Dabei richtet sich "Akira" mit seiner düsteren Atmosphäre und seiner umstrittenen heftigen Brutalität und Blutigkeit deutlich an ein erwachsenes Publikum. Viele Kritiker gaben dem Werk den Ritterschlag mit der Formulierung "so gut wie Disney" oder "besser als Disney".

Ein Zuschauer aus Miami im US-Bundestaat Florida schwärmt: "Visuell erstaunlich, düster und orginell - das beschreibt den Film am besten. Dies ist ein Animationsfilm, der seiner Zeit voraus war und Computeraimationen einsetzte, bevor selbst Disney das in ihren Filmen taten. Ein epischer Film mit wahnsinnig einfallsreichen Action-Sequenzen und einer äußerst faszinierenden Handlung. Ein einmaliger Streifen, der bis heute seinesgleichen sucht."



"Starship Troopers", RTL, 23:00 Uhr
Ein von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indizierter Film läuft im deutschen Fernsehen? Ein Film, der "verrohend und geeignet ist, Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren"? Ein Film, der daher nicht öffentlich beworben und frei verkauft werden darf. Wie denn das? Rechtlich gesehen: Die Fernsehzuschauer sehen eine geschnittene Fassung, welche noch die Altersfreigabe "Ab 18" erhalten hat.

Aber bei der medienethischen und moralischen Frage, ob dieser Science Fiction-Film von 1997 verboten gehört, sollte betont werden, dass die Bundesprüfstelle und Teile der deutschen Medien ihre Sichtweise haben, die durchaus nicht von allen Kritikern und Zuschauern geteilt wird.

"Starship Troopers" nahm seinen Ausgang in einem Drehbuch namens "Bug Hunt at Outpost Nine". Als Columbia Pictures darauf aufmerksam gemacht wurden, dass das Motiv von Soldaten, die gegen Rieseninsekten kämpfen, bereits in dem Roman "Starship Troopers" des angesehenen (weil für das Science Fiction-Genre prägenden), aber auch umstrittenen (weil faschistoider Motive unterstellten) Robert Henlein vorkamen, sicherten sie sich die Rechte an dem Buch von 1959. Edward Neumeier ("RoboCop") machte sich daran, Motive aus dem Roman mit dem Originaldrehbuch zusammen zu bringen. Erzählt wird von der zukünftigen Menschheit, die in einem faschistischen, militarisierten Einheitsstaat organisiert ist, der sich einen Kampf um sein Überleben mit riesigen außerirdischen Insekten liefert.

Regisseur Paul Verhoeven lässt nicht nur das Blut literweise fließen, sondern bedient sich ganz bewusst einer Bildsprache, die sich an diejenige der Nationalsozialisten und auch deren Künstler wie Leni Riefenstahl und "Triumph des Willens" anlehnt. Auch sind die Symbole und die Uniformen der Soldaten im Film denen der SS nachempfunden. So exzessiv wie die Gewaltdarstellungen, so ins Groteske übersteigert ist die faschistisch-militaristische Propaganda des Staates mit seiner Fremdenfeindlichkeit dargestellt. Verhoeven empfand dies als Satire: Die Hohlköpigkeit und Unmenschlichkeit des Faschismus wird durch dessen Überhöhung deutlich. Die Bundesprüfstelle sah indessen nur die Hohlköpfigkeit und Unmenschlichkeit - Satire vermochte sie nur in Ansätzen zu erkennen.

Der Niederländer Verhoeven, Jahrgang 1939, hat laut eigenen Angaben noch Erinnerungen an seine Kindheit im von den Deutschen besetzten Holland, und sich gegen die Vorwürfe, er betreibe faschistische Propaganda, unter anderem im Audiokommentar auf der DVD zur Wehr gesetzt.

Technisch gesehen ist sein hauptsächlich in den Felsformationen von Hell's Half Acre in Wyoming gedrehter Streifen über alle Zweifel erhaben: Die Spezialeffekte wurden für einen "Oscar" nominiert. Ob die Darstellungen der Schauspieler wie Caspar von Diem (der hinter Mark Wahlberg und James Marsden nur dritte Wahl war), Denise Richards und Neil Patrick Harris gewollt (Stichwort Hohlköpfigkeit) oder ungewollt so steif geraten sind, ist debattierbar. Die überwiegend positiven Kritiken stießen sich weniger an der unterstellten Propaganda des Werkes, sondern konstatierten, dass der Film schlicht "ein großer Spaß" sei. Das sahen die Zuschauer ebenfalls so und machten ihn zu einem Erfolg.

Für einen Zuschauer aus Houston, Texas ist "Starship Troopers" der "größte Pro/Anti-Kriegsfilm, der je gemacht wurde. Der Film ist eine unbarmherzige Satire auf ein Genre, für das er selbst eines der besten Beispiele darstellt - ein ziemlich brillantes Kunststück".



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