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Get Out
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© Universal Pictures International Germany

Kritik: Get Out (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Gute Horrorfilme greifen gesellschaftliche Ängste auf und verdichten sie zu einem Schreckensszenario, das nicht so sehr an vordergründigen Schockeffekten interessiert ist, sondern vor allem daran, sich tief unter die Haut zu graben und das Publikum nachhaltig zu verstören. Genau in diese Kerbe schlägt der als Comedian bekannt gewordene Jordan Peele mit seinem Regiedebüt "Get Out", für das er auch selbst das Drehbuch verfasste. Produziert wurde der beim Sundance Film Festival 2017 uraufgeführte Streifen von Jason Blum, der mit seiner Firma seit einigen Jahren im Akkord verhältnismäßig günstige Horrorwerke auf den Markt wirft und dabei oftmals nur Genre-Standards bedient. Ab und an finden sich in seinem Output aber auch Arbeiten mit höheren Ansprüchen, die sich von konventioneller Schockware abheben. 2015 überraschte der doppelbödige Psychothriller "The Gift", und nun sorgt die abgründige Grusel-Satire "Get Out", in der das Thema "Rassismus" eine tragende Rolle spielt, für großes Staunen.

Schon im Prolog, der gekonnt Unbehagen und abseitige Komik verbindet, wird deutlich, dass Peele die Diskriminierung und Anfeindung schwarzer Menschen in den USA anprangern will. Obwohl bis vor kurzem mit Barack Obama ein dunkelhäutiger Präsident im Weißen Haus saß, wurde das Land in den letzten Jahren mehrfach von brutalen Übergriffen auf Afroamerikaner erschüttert. Die alten Rassenkonflikte sind – das zeigt ein Blick in die Nachrichten – keineswegs beigelegt, sondern infizieren noch immer das Zusammenleben. In diesem Klima bewegt sich auch der Fotograf Chris (Daniel Kaluuya), dem der Antrittsbesuch bei den weißen Eltern seiner Freundin Rose (Allison Williams) großes Kopfzerbrechen bereitet: Wie werden sie reagieren, wenn sie erfahren, dass ihre Tochter mit einem Schwarzen zusammen ist? Rose gibt sich alle Mühe, seine Bedenken zu zerstreuten, immerhin sei ihre Familie von Grund auf liberal. Gänzlich beruhigt tritt Chris die Reise in den ländlichen Norden des Bundesstaates New York trotzdem nicht an. Noch vor der Ankunft wird das Pärchen in einen Wildunfall verwickelt, der nicht nur einer bösen Vorahnung gleichkommt. Auch das Misstrauen und die kleinen Schikanen, die Schwarze im Alltag über sich ergehen lassen müssen, dringen an die Oberfläche, wenn der herbeigeilte Polizist vehement Chris‘ Papiere einfordert, obwohl der junge Mann nicht am Steuer saß.

Das bekannte Thriller- und Horror-Motiv einer verhängnisvollen Fahrt in die Provinz tritt trotz des Zwischenfalls fürs Erste in den Hintergrund, da sich Roses Eltern Missy (Catherine Keener) und Dean (Bradley Whitford) als herzliche Gastgeber erweisen. Nach und nach lädt Peele die ausgelassene Stimmung im Anwesen der Familie Armitage jedoch mit irritierenden Doppeldeutigkeiten, schwer einzuordnenden Blicken und seltsamen Gesten auf, was sowohl Chris als auch den Zuschauer zunehmend aus der Fassung bringt. Die afroamerikanischen Hausangestellten Georgina (Betty Gabriel) und Walter (Marcus Henderson) benehmen sich reichlich eigenartig. Eine latent aggressive Aura geht von Roses Bruder Jeremy (Caleb Landry Jones) aus. Und in der Nacht hat der Fotograf eine beunruhigende Begegnung mit der als Psychiaterin praktizierenden Missy.

Geschickt verdichtet der Film – nicht zuletzt dank eindringlicher Darstellerleistungen – das Klima der Bedrohung und das Gefühl, dass auf dem abgelegenen Landsitz etwas Unheimliches im Gange ist. Von Bedeutung sind für die wachsende Gruselatmosphäre auch die zum Teil bizarren Äußerungen, die sich der verunsicherte Protagonist am Tag nach seiner Ankunft auf einer Gartenparty anhören muss. Die weißen, wohlhabenden Freunde der Armitages treten ebenso wie Missy und Dean als betont liberale Bürger auf, thematisieren aber immer wieder Chris‘ Hautfarbe und lassen ihn damit spüren, dass er an diesem Ort ein – wenn auch seltsam bewunderter – Außenseiter ist. In das Geschehen mischen sich regelmäßig absurd-komische Situationen und bissige Pointen, die den sorgfältigen Spannungsaufbau keineswegs torpedieren. Vielmehr gehen Humor und Schrecken eine reizvolle Verbindung ein, die der Debütregisseur bis zum Schlusspunkt durchhält.

Von vielen Kritikern wird "Get Out" für seine bissige Gesellschaftskritik, seine eigenwillige Genre-Kreuzung und sein gewitztes Spiel mit altbekannten Horror-Mustern als Meisterwerk gefeiert. Ganz so weit sollte man trotz aller Vorzüge vielleicht doch nicht gehen, da der Film im letzten Drittel ein wenig Federn lässt. Zwar verpasst Peele dem Rassismus-Diskurs auf der Zielgeraden einen interessanten Dreh. Offensichtlich ist aber auch, dass der Showdown vergleichsweise plakativ-konventionelle Exzesse entfesselt.

Fazit: Trotz kleiner Schwächen zum Ende hin zählt Jordan Peeles scharfsinnige Horror-Satire "Get Out" mit ihrer schleichend-unbehaglichen Stimmung und ihrer treffsicheren Rassismus-Kritik zu den aufregendsten Grusel-Arbeiten der letzten Zeit. Bitte mehr davon!





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