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Kritik: Oben (2009)


Seit 15 Jahren beschert die Animations-Filmschmiede Pixar einen Erfolgshit nach dem anderen: Ob „Toy Story“, „Findet Nemo“, „Die Unglaublichen“ oder zuletzt „Wall-E“, die Filme sind nicht nur Effekt-Theater auf der Höhe der Zeit, sondern treffen auch erzählerisch genau den Nerv ihres Publikums. Mit „Wall-E“ gesellte sich zu den üblichen, überwiegend an die jüngeren Zuschauer gerichteten Appellen an Freundschaft, Loyalität und Zusammenhalt, eine Dimension ethisch-moralischer Aussagen hinzu.
Der jüngste Clou der Kreativen aus dem Hause Pixar ist „Oben“, und der wartet nicht nur mit einem schrulligen Antihelden par excellence auf, sondern nimmt sich beinahe poetisch des Älterwerdens und der (fast) verflossenen Träume an. Kurzgesagt lautet die Botschaft: Es ist nie zu spät, und du kannst alles erreichen, ganz gleich wie alt (oder jung) du bist, wenn du es dir wirklich vornimmst.
Im Mittelpunkt steht der kauzige 78-jährige Carl Fredericksen, der mit seiner inzwischen verstorbenen Frau ein Leben lang davon träumte, die ganze Welt zu bereisen. Ein Fleckchen hatte es dem Paar in ihrer Phantasie ganz besonders angetan: Die „Paradise Falls“ in Südamerika, gigantische Wasserfälle inmitten des tropischen Urwaldes, die sich unvermittelt aus der grünen Pracht hunderte von Metern tosend in die Tiefe stürzen. Den beiden waren aber die finanziellen Nöte einfacher Menschen, mit einem kleinen Häuschen, an dem ständig was zu reparieren war, immer in die Quere gekommen. Und so wurde die Reise Jahr um Jahr verschoben, bis beide so alt waren, dass der Wunsch nur noch wie eine nebulöse Schwärmerei der Vergangenheit anmutete. Nun ist seine Liebste gegangen und er ganz allein mit seinen Erinnerungen in diesem Haus. Und dieses soll ihm von skrupellosen Immobilienhaien nun auch noch weggenommen werden. Carl schmiedet einen Plan, und bald darauf erhebt sich sein Haus, an ein paar Tausend bunten Luftballons hängend, in die Höhe und fliegt mit Kurs Südamerika davon.
Keine Reise aber ohne einen blinden Passagier: Auf der Veranda krallt sich der pummlige Pfadfinder Russel verstört an der Wand fest. Eigentlich wollte sich die hilfsbereite Nervensäge von einem Plagegeist, beim alten Carl das letzte noch fehlende Pfadfinder-Abzeichen verdienen; nun muss er mit, auf eine unglaubliche Abenteuerreise.
Wie seine Vorgänger besticht „Oben“ durch eine grandiose Optik. Und damit auch die allerletzten tiefer liegenden Schichten der Netzhaut mit feinster CGI-Technik wachgeküsst werden, wurde diesmal das Spektakel in 3D gedreht. Das verleiht dem visuellen Eindruck nicht nur eine weitere Dimension, sondern sorgt tatsächlich für den einen oder anderen Aha-Effekt (wenn auch zu befürchten ist, dass die 3D-Technik, die geradezu inflationär in die Kinosäle Einzug hält, bald ihren Neureiz verbraucht haben dürfte). Die spektakuläre Bilderpracht macht aber nicht den eigentlichen Charme des Films aus: Dieser liebreizend kauzige alte Knabe (der optisch ein wenig an Spencer Tracy erinnert), dem seine Schöpfer einen unglaublich großen Quadratschädel verpasst haben, um mit dem Kopf durch die Wand zu kommen und sich trotzig allen Widerständen entgegenzustemmen, ist es, der die Herzen im Sturm erobert. Damit die Story aber nicht zu einer Ode an das Alter gerät, klebt ihm der trottelige Russel an der Backe. Etwas boshaft in unserer Zeit des Jugendwahns ist das schon, aber so schön heilsam, dass man sich „Oben“ glatt als Realfilm wünscht (vielleicht lässt sich Clint Eastwood doch noch mal überreden, als Hauptdarsteller vor die Kamera zu treten?).
Abwechslungsreich geht es allemal zu, und erfreulich sind sowohl die Storytelling-Elemente, die etwas Tempo rausnehmen, damit sich das Actiongewitter nicht zu einer sinnarm aneinander gereihten Bilderflut reduziert, als auch die schrägen bis leicht psychedelischen Einlagen: nebst sprechenden Hunden gibt es noch einen besonderen Gast, vielleicht sogar den heimlichen Star des Films, zu bestaunen: eine bunte überdimensionierte Kreuzung aus Paradies- und Laufvogel mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt und Vorliebe für Schokolade. Total spinnert, aber wundervoll skurril. Und sogar einen üblen Schurken entbehrt der Streifen nicht: einen Kapitän-Nemo-Verschnitt mit leichten Dr. Moreau-Anleihen.
Fazit: „Oben“ ist ein wundervoller prächtiger Bilderreigen, der sowohl die visuell leicht stimulierbaren Synapsen zum Tanzen bringen wird, als auch sich liebreizend an das Organ in unserer Brust anschmeichelt. Die herrlich verschrobenen und charmanten, mit viel Detailliebe zum Leben erweckten, Figuren, lassen beinahe vergessen, dass es sich nicht um echte Menschen handelt. „Oben“ bietet Filmenthusiasten allen Alters eine ebenso fetzige wie anrührende Geschichte, der es an Herz, Hirn und eines hoffnungsvollen Horizontes nicht ermangelt.





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