Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Les Misérables
Les Misérables
© Universal Pictures Germany

Kritik: Les Misérables (2013)


Die kommende Oscarverleihung 2013 steht schon jetzt unter einem besonderen Stern. Egal welcher der Nominierten am Ende den Preis für den „besten Film 2013“ erhalten wird, mit angrenzender Wahrscheinlichkeit spielt ein politisches Thema eine übergeordnete Rolle. Vielleicht der einzige thematisch verbindende Punkt zwischen den zahlreichen „Auserwählten“, löst der „political movie“ gerade im aktuell so politisierten Spannungsverhältnis der amerikanischen Gesellschaft keine sonderliche Verwunderung aus. In Amerika tobt der Kampf, zieht sich der Graben schließlich auch nach der Präsidentenwahl weiter fort. Kein Wunder, dass der Film davor kein Halt macht. So versucht sich Steven Spielberg an einer grenzüberschreitenden Botschaft für das aufgeheizte Publikum in seinem epischen „Lincoln“, der die Beendigung des Bürgerkriegs und die Abschaffung der Sklaverei in ein diskutables Licht rückt und damit einen Querverweis auf die heutige Zeit bewusst platziert.
Konträr dazu steht Quentin Tarantinos „Django Unchained“, der sein ganz persönliches Sklaven-Märchen, getarnt in einen Retro-Spaghetti-Western, für sich und seine Fans zelebriert. Und abseits der Sklaverei bleibt auch die jüngste Vergangenheit im Gespräch, wenn Kathryn Bigelow mit „Zero Dark Thirty“ die Suche nach Osama Bin Laden rekonstruiert und dabei so hohe Wellen der Entrüstung erzeugte, dass gar davon gesprochen wurde, ihr Film würde Folter als einen Grund für die Liquidierung des Terrorfürsten bejahen. Weniger polarisiert, dafür umso mehr gefeiert, wurde Ben Afflecks „Argo“, der den Nahen Osten, gezielt den Iran, zum Thema politischer Agenda macht. Zumindest polarisierte er nicht in Amerika. Einzig „Silver Linings Playbook“ fällt aus dem politischen Raster heraus, doch Außenseiter muss es ja schließlich auch geben. Genauso wie Tom Hoopers Musical „Les Misérables“? Höchstens auf den ersten Blick. Denn wenn das Sozialdrama auch ein wenig thematisch abgeschlagen erscheint, thematisiert der Statuen-abräumerfahrende Hooper die für die Weltgeschichte alles entscheidende französische Revolution aus der Sicht verschiedener Perspektiven und in Form eines großaufgezogenen, spektakulär inszenierten Musical-Epos.

„Les Misérables“ wirkt wie ein Werk der Superlative, wie die Maxime eines überschwänglichen Kostümfilms, der so opulent und kräftezehrend Spielminute um Spielminute mit Music, Epos, Pathos, Dramatik, Schauspielerei, Ausstattung und Inszenierungskunst füllen mag. Gleich der Anfang baut dieses Credo auf, verbindet spektakulären Filmkonservatismus früherer „Kinoschinken“ mit einer berauschenden Kameraführung inmitten gewaltiger GCI-Bauten. Die Kamera bahnt sich den Weg vorbei an einem monströsen Schiff und dem Unwetter welches es umgibt, nimmt Kurs auf eine riesige Bucht, in der Gefangene, Arbeitern und Sklaven jenes schwimmende Kunstwerk zurück in den Hafen ziehen. Irgendwann hält die Kamera endlich inne, angelangt beim vor Anstrengung zu einer unheilvollen Grimasse verzerrten Gesicht von Hugh Jackman. Gemeinsam mit den anderen Arbeitern stimmt er den opernträchtigen Song „Look Down“ an. Tom Hooper schießt mit allen Kanonen die ihm zur Verfügung stehen. Das ist neben dem pompösen Look seines Werk auch gleich alles, was sein Kameramann Danny Cohen ihm an Bilderpracht und sein erstklassiger Cast an Tatkraft servieren kann. Verschießt er damit auch gleich sein gesamtes Pulver? Nicht zwingend. Vielmehr holt Hooper gleich zu Beginn tief Luft. Doch sein Atem reicht nur für gut eine Stunde. Und für das zweite Luftholen reicht dann die Kraft nicht mehr.

Das Konzept ist auch sichtlich kompliziert. Gleichzeitig zur Adaption der monströsen Literaturvorlage von Victor Hugo muss Hooper auch dem an längsten aufgeführten Musical der Welt - „Les Miserable“ ist bereits in seinem 28. Jahr – gerecht werden. Eine Mammutaufgabe, die sich mit Sicherheit nicht jeder freiwillig stellen würde und für die Hooper, gerade als großartiger Dramatiker und filmischer Epos-Spezialist, prädestiniert ist. Seine Adaption des Werks ist sinnig gekürzt und besitzt dennoch die Tiefe, um den Zuschauer mitreißen zu können. Vor allem die Kameraarbeit bleibt auch nach dem imposanten Beginn hochklassig – es bestätigt sich, warum Cohen nicht nur ein ungemein gefragter, sondern auch prämierter Mann hinter dem Objektiv ist. Doch zehren die Kräfte des Projektes nicht nur am Film selbst, sondern auch am Zuschauer. Wenn es auch an dauergesanglichem Protz und Übertreibung nicht fehlt, ist es schlussendlich die Diskrepanz, die durch das Mono-Musical entsteht, die Leinwand und Darsteller irgendwann trennt. Denn wenn auch der Fan des Musicals Freude an 50 Gesangsnummern hat, so kann der Liebhaber des Buches nicht verstehen, warum gravierend dramaturgische Probleme nicht Einhalt geboten wurden. Helena Bonham Carter und Sacha Baron Cohen wirken als unterhaltsame Sidekicks zwischen alle Stühle gesetzt und auch die Liebesgeschichte zwischen Marius und Cosette entsteht urplötzlich aus dem Nichts.

Fazit: Für Fans des Musicals wird Tom Hoopers „Les Miserable“ mit Sicherheit Freude bereiten, wenn auch der dauerhafte Gesang so manch unmelodischen Rohrkrepierer beinhaltet. Doch gerade die Anschlussprobleme in der Dramaturgie weisen neben der schleichenden emotionalen Diskrepanz zwischen Publikum und Leinwand eindeutig daraufhin, dass Musicals ihre eigenen Vorlagen – in „Les Miserables“ ist es das Sozialdrama – gerne der Schaulust preisgeben.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.