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Edison - Ein Leben voller Licht
Edison - Ein Leben voller Licht
© Concorde

Kritik: Edison - Ein Leben voller Licht (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wieder einmal trifft der Originaltitel eines Films dessen Inhalt besser als die Übersetzung. In den USA heißt dieses Drama "The Current War", in Deutschland "Edison – Ein Leben voller Licht". Der von Benedict Cumberbatch gespielte Erfinder Thomas Alva Edison ist hierzulande zwar weitaus bekannter als sein von Michael Shannon verkörperter Konkurrent George Westinghouse; auch steht er am Anfang und Ende des Films, aber eben keinesfalls allein in dessen Zentrum. Bei der Übersetzung geht zudem völlig verloren, dass sich die Handlung nicht nur um einen historischen Stromkrieg dreht, sondern "current war" auch als "aktueller Krieg" verstanden werden kann, der gegenwärtig seine Fortsetzung findet.

Michael Mitnicks Drehbuch ist mit solchen Anspielungen gespickt. Wie jeder gute Historienfilm lässt er im Vergangenen unsere Gegenwart durchschimmern. Dass er die Fakten dafür ein wenig zurechtbiegt, ist ihm schnell verziehen. Der Preis, den die Figuren für eine flächendeckende und kostengünstige Energieversorgung zu zahlen bereit sind, lässt sich mühelos auf unseren derzeitigen Wettstreit zwischen fossilen Brennstoffen und erneuerbaren Energien übertragen. Mitnicks großes Talent besteht darin, dass er diesen zäh anmutenden Stoff nicht nur fesselnd, sondern auch allgemein verständlich aufbereitet. Ein hochspannendes Stück Technikgeschichte, dem auch all jene folgen können, die im Physikunterricht geschlafen haben.

Dass dem Publikum in beinahe zwei Stunden Laufzeit nie langweilig wird, liegt zum einen am großartigen Ensemble. Cumberbatch gibt abermals einen genialischen Eigenbrötler, der dieses Mal mit äußerst harten Bandagen kämpft. Shannon fügt seinem Repertoire an unter der Oberfläche brodelnden Charakteren einen beachtlichen hinzu. Die zwei sind die perfekte Besetzung für einen Konkurrenzkampf zwischen Idealismus, Kalkül und Hybris. Und auch der Rest spielt hingebungsvoll – ob Nicholas Hoult als genialer und neurotischer Nikola Tesla oder Tom Holland als Edisons loyaler und weitsichtiger Privatsekretär Samuel Insull. Zum anderen liegt das an dem Mann auf dem Regiestuhl.

In seinem dritten Kinofilm überrascht Alfonso Gomez-Rejon erneut. Es scheint, als wolle sich der Produzent und Regisseur weder auf ein Genre noch auf seine Inhalte festlegen lassen. Auf den nostalgisch angehauchten Meta-Horrorfilm "Warte, bis es dunkel wird" (2014) und die Indie-Teenie-Tagikomödie "Ich und Earl und das Mädchen" (2015) folgt nun also ein Historiendrama über ein entscheidendes Kapitel der technischen Moderne. Wie zu erwarten, zieht Gomez-Rejon das etwas anders auf, als von den üblichen Kostümschinken gewohnt.

Sein Erzähltempo ist hoch, die Montage dynamisch, die Kamera äußerst agil und immer wieder verkantet. Ein schräger Blick auf verschrobene Charaktere. Chan-wook Parks Stammkameramann Chung-hoon Chung ("Oldboy", "Lady Vengeance", "Durst"), der das Publikum in "Es" (2017) das Fürchten lehrte, entführt es dieses Mal in atemberaubende Bilder des industriellen Fortschritts. Dank kleiner Inserts und kluger, pointiert erklärender Dialoge, die sich dennoch nie künstlich anfühlen, findet sich das Publikum in diesem weitverzweigten erzählerischen Geflecht spielerisch zurecht.

Eine eindeutige Antwort auf die Systemfrage gibt der Film nicht. Welches System das bessere ist, ist auch immer eine Frage der Perspektive. Am Ende setzt sich nicht immer die bessere Idee durch. Gomez-Rejon zeigt ebenso spannend wie süffisant, wie viel von Zufall und Beziehungen, von Chuzpe und Skrupellosigkeit abhängt. So ideell die Erfinder und Unternehmer in ihrer eigenen Vorstellung auch sein mögen, bleiben sie am Ende stets geltungssüchtige Geschäftsmänner, die auf den eigenen Vorteil bedacht sind und den Konkurrenzkampf nicht zuletzt deshalb führen, um das eigene Ego aufzupolieren.

Fazit: Der Wettstreit um den US-Strommarkt Ende des 19. Jahrhunderts – daraus hätte eine dröge Angelegenheit werden können. Doch Regisseur Alfonso Gomez-Rejon hat aus dem Konkurrenzkampf zwischen Thomas Alva Edison und George Westinghouse ein fesselnd erzähltes, flott inszeniertes, prächtig fotografiertes und zuweilen mitreißend gespieltes Kapitel Technikgeschichte gemacht. Hochspannung garantiert!




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