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Mord im Orient Express
Mord im Orient Express
© 20th Century Fox

Kritik: Mord im Orient Express (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Im gleichnamigen Krimi-Roman von Agatha Christie aus dem Jahr 1934 muss ihr Meisterdetektiv Hercule Poirot einen Mordfall an einem besonders reizvollen Schauplatz lösen, nämlich einem Zug, der mehrere Tage unterwegs ist. Der Orient-Express ermöglichte stilvolles Reisen in behaglichem Ambiente auf der West-Ost-Achse tief hinein in den Balkan, bis ins exotische Istanbul und wieder zurück.

Wenn sich nun der britische Regisseur Kenneth Branagh ("Cinderella", "Thor") dieser beliebten "Whodunit"-Geschichte annimmt, geht es in dreifacher Weise um Nostalgie. Erstens muss das Flair des Zugreisens zur damaligen Zeit, das mit Abenteuer, Vergnügen und Entdeckungslust verbunden war, wieder zum Leben erweckt werden. Zweitens ist auch der Charme des detektivisch-gewitzten Ermittelns eng mit jener Ära verbunden. Und drittens muss eine Neuverfilmung auch dem Kino selbst seine Reverenz erweisen, denn Agatha-Christie-Geschichten wurden gerne verfilmt. So sucht Branagh mit seiner namhaften Besetzungsliste erkennbar die Nähe zu Sidney Lumets "Mord im Orient-Express" von 1974, in dem Albert Finney, Ingrid Bergmann, Lauren Bacall und Sean Connery zu sehen waren.

Natürlich machen Michelle Pfeiffer, Judi Dench und all die anderen Schauspieler ihre Sache gut, auch wenn sie in diesem Ensemblestück nicht viel Raum zur persönlichen Entfaltung erhalten. Schon allein, dass sie an Bord sind, steigert die Neugier und die Erwartung eines hohen filmischen Genusses. Dennoch bleibt die Figurenzeichnung blass, es fehlt an Esprit, was sich vor allem beim zentralen Charakter Hercule Poirot bemerkbar macht. Branagh spielt ihn als zwanghaften Mann, der sich an kleinsten Unregelmäßigkeiten stört und so auch den Verbrechen auf die Spur kommt, indem er mehr Details wahrnimmt als andere. Aber die Figur ist nicht besonders witzig oder charmant und hat auch zu wenig Markantes im Charakter, um als Persönlichkeit der alten Zeit glaubwürdig zu sein.

Der Witz weicht oft auf die Bildgestaltung aus – etwa indem Branagh einmal die Passagiere an einem langen Tisch Platz nehmen lässt wie die Jünger in Leonardo da Vincis "Abendmahl"-Gemälde. Oder indem die Berglandschaft deutlich kulissenhaft wirkt, als wäre der Film, der auf analogem 65-mm-Material gedreht wurde, in früherer Zeit entstanden. Dennoch wirkt die Kameraarbeit auch frisch und dynamisch, wenn sie zum Beispiel das Geschehen aus der Obersicht aufnimmt oder die Perspektive wechselt. Letztlich aber bleibt diese durchschnittliche Inszenierung die Erklärung schuldig, warum eine Neuverfilmung eines solch berühmten Stoffes denn nötig gewesen sein soll.

Fazit: Kenneth Branaghs Inszenierung des berühmten Agatha-Christie-Krimis bemüht sich mit visuellen Reizen, einer namhaften Besetzung und etwas Humor, dem Charme und dem Zeitkolorit der Vorlage gerecht zu werden. Das gelingt allerdings weniger überzeugend als erhofft. Besonders dem Meisterdetektiv Hercule Poirot selbst fehlt es an lebhafter Originalität, aber auch die anderen Charaktere wirken nur halbherzig in der Vorkriegsära verhaftet.





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