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Kritik: Der Fall Richard Jewell (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Der Fall Richard Jewell" basiert auf einem realen Vorbild, und wie so oft geht es dem großen amerikanischen Geschichtenerzähler Clint Eastwood darum, Helden (des Alltags) ein filmisches Denkmal zu setzen. Wie schon in "Sully" ist sein Protagonist niemand, der sich für besonders außergewöhnlich hält oder nach Ruhm strebt, sondern ein "einfacher Bürger", dessen "Heldentum" darin besteht, einfach seine Pflicht getan zu haben. Eastwoods Anklage gilt hier wie dort einer zynischen (Um-)Welt, die ihren Glauben an Helden(tum) verloren hat, und sich in lüsterner Sensationsgier ergeht, deren Freude am Skandal und am Fall größer ist als der Glaube an das "Gute" im Menschen. Dass all das in keinem Moment kitschig ist, liegt einerseits am gewohnt ruhigen, umsichtigen, ja: fast stoischen Erzählstil Eastwoods, andererseits an einer Riege von herausragenden Darstellern, die den teils durchaus ambivalenten Figuren Leben einhauchen. Hervorzuheben ist Sam Rockwell als Anwalt, der durch den Anruf eines alten Bekannten seinen verlorenen Idealismus wiederentdeckt, und vor allem Paul Walter Hauser, der als ungewöhnlicher Antiheld eine ganz ausgezeichnete Figur abgibt. Seine Darstellung ist kraftvoll, realistisch, aber auch sensibel, und man kann nicht anders, als mit diesem etwas seltsamen, rundlichen Typen mitzufühlen, der doch nichts mehr möchte, als einfach respektiert und anerkannt zu werden. Im Gesamt-Oeuvre Eastwoods kommt "Der Fall Richard Jewell" im soliden Mittelfeld zu liegen. Er ist qualitativ etwas über seine letzten beiden Werke "15:17 to Paris" und "The Mule" zu stellen, da er mehr Substanz hat, erreicht aber nicht die Großtaten wie "Unforgiven", "Mystic River" oder "Gran Torino", da er stellenweise ungewöhnlich spröde und trocken wirkt, was man sonst kaum von der Regie-Ikone gewohnt ist. Trotzdem: Gut gemachtes und sehenswertes Kino der "alten Schule", das sich durch seinen geradlinigen Erzählstil, ein interessantes Sujet und tolle Schauspielleistungen hervortut.

Fazit: Clint Eastwood kann es mit 90 immer noch: Mit "Der Fall Richard Jewell" legt er ein solide inszeniertes, gewohnt ruhig erzähltes Drama vor, dass sich mit der Frage beschäftigt, welchen Platz Heldentum in einer postmodernen, abgeklärten Welt hat. Herausragend ist Paul Walter Hauser als titelgebender Antiheld, dessen Kampf um Würde zum Kampf gegen Windmühlen wird.




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