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Victoria
Victoria
© Central Film © Senator Film

Kritik: Victoria (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Manche Filmemacher haben sich schon daran versucht, einen Film in einer einzigen Einstellung zu drehen. Ob es mehr als ein Gimmick ist, ein art pour le art - darüber streiten sich bei Filmen wie "Ein Cocktail für eine Leiche" von Alfred Hitchcock oder "Birdman" von Alejandro González Iñárritu die (Film-)Gelehrten.

Sebastian Schipper ist das Wagnis bei diesem Drama wieder eingegangen: 140 Minuten lang erzählt er seine Handlung quasi "in Echtzeit". Kein Schnitt, die Handkamera des Dänen Sturla Brandth Grøvlen bleibt immer dicht am Geschehen. Durch digitale Kameras ist das heute leichter möglich als zu des Altmeisters Zeiten, als noch schwere Filmrollen gewechselt werden mussten, die nur für zehn Minuten reichten. Doch egal wie viel leichter es die Technik den Filmemachern heute macht - die logistischen, inszenatorischen und schauspielerischen Leistungen kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

Ketzerisch ließe sich sagen, dass der Stil dem Inhalt nicht in die Quere kommt. Das wäre allerdings höchst unfair. Der Stil bedingt den Inhalt: Schnell, fiebrig, frei flottierend, halb-improvisiert wirkend oder gar seiend, schlägt die Unmittelbarkeit des Geschehens direkt durch. Begeisternd die Schauspieler, die so lebensecht wie selten Figuren im Kino wirken, nichts übertreibend, sondern immer genau den richtigen Ton treffend. Die Dialoge scheinen ebenfalls direkt dem Leben abgelauscht, nicht gewollt oder gestelzt.

Aber leider ist da auch noch eine Handlung, die erzählt wird beziehungsweise die erzählt werden muss. Und hier scheitern die Drehbuchautoren Olivia Neergaard-Holm, Sebastian Schipper und Eike Frederik Schulz an einer entscheidenden Stelle - ihrer Hauptfigur Victoria (Laia Costa) selbst. Dass die junge Spanierin, die offenbar so einsam ist, dass sie sogar schon dem Barkeeper einen Drink spendieren möchte, sich nach Kameradschaft, Freundschaft, Liebe oder einfach nur einer guten Zeit sehnt, mag noch angehen. Victoria ist mutmaßlich das Opfer der Wirtschaftskrise in Spanien, die eine ganze Generation derzeit ihrer beruflichen Chancen beraubt. Statt in Spanien zu arbeiten oder ihren Traum als Pianistin weiterverfolgen zu können, muss sie sich für vier Euro Stundenlohn in einem Berliner Café verdingen. Sie hat unter dem harten Regime im Konservatorium gelitten. Möglich, dass sie es jetzt genießt, einfach mal die Sau rauszulassen oder etwas zu unternehmen, dessen Ergebnis nicht abzusehen ist.

Aber man muss schon sehr viel guten Willen aufbringen, um zu schlucken, dass eine junge Frau diese Dinge im Laufe der zwei Stunden für eigentlich komplett Fremde tut. Spätestens als sie einer Mutter ihr Baby entwindet, wirkt Victoria wie eine durchgeknallte Soziopathin, nicht mehr wie das nette Mädel, das "um sieben mein Café aufschließen" wollte.

Man gewinnt das Gefühl, dass die Autoren vor Augen hatten, worauf ihr Film hinausläuft - und sie dann erst die Verbindungspunkte fanden, ihn zum gewünschten Ergebnis zu bringen. So ist das Verhalten der von Frederick Lau angeführten Berliner Jungs und von Victoria nur sehr bedingt nachzuvollziehen und raubt dem Film einiges von seiner Glaubwürdigkeit, die er in der ersten Hälfte so sorgfältig aufgebaut hat. Vielleicht hätte etwas weniger Räuberpistole dem Ganzen gut getan.

"Victoria" ist erfrischendes, authentisches, exzellent gespieltes Kino, dem man die 140 Minuten Spielzeit niemals anmerkt. Vom technischen Standpunkt aus gesehen, ist das Ganze sowieso bewundernswert. Leider kann die Handlung da nicht mithalten.





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