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Kritik: Son of Saul (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Für die Toten verrätst du die Lebenden!" Das wirft ein Mithäftling dem ungarischen Auschwitz-Insassen Saul Ausländer (Géza Röhrig) vor, der im Mittelpunkt von László Nemes‘ Spielfilmdebüt steht. Während seine Kameraden aus den Sonderkommandos einen Aufstand vorbereiten, hat der Protagonist ein anderes Ziel vor Augen, das er mit äußerster Hartnäckigkeit verfolgt. Um jeden Preis will er einen toten Jungen, bei dem es sich angeblich um seinen Sohn handelt, würdevoll bestatten – weshalb er im Lager fieberhaft nach einem Rabbi sucht. Die Geschichte, die "Son of Saul" erzählt, ist denkbar simpel, lässt jedoch den Horror der Nazi-Verbrechen greifbar werden, ohne dass der Film auf explizite Bilder angewiesen wäre.

Alles, was wir sehen und hören, entspringt Sauls direktem Erleben. Unnachgiebig heftet sich die rastlose Handkamera an seinen Rücken. Oder aber zeigt ihn frontal aus nächster Nähe. SS-Soldaten erhalten nur selten ein Gesicht. Nackte Körper geraten für wenige Sekunden in den Blick. Ein Großteil der Umgebung ist in Unschärfe getaucht. Und von der Tonspur dringen unaufhörlich die Geräusche des KZ-Alltags: Schritte, Schreie, Erniedrigungen und Befehle in verschiedenen Sprachen. Eine Klangkulisse, die unter die Haut geht und im Kopf ein Bild des Schreckens entstehen lässt. Die Gräueltaten selbst muss Nemes gar nicht zeigen, da die Vorstellungskraft des Zuschauers ausreicht, um Auschwitz als irdische Hölle wahrzunehmen.

Gesteigert wird die erschütternde Wirkung des Films durch das enge 4:3-Format, das die nass-dreckigen, häufig dunklen Räume und Örtlichkeiten umso beklemmender erscheinen lässt. Gemeinsam mit Saul bewegen wir uns durch ein Labyrinth, aus dem es kein Entrinnen gibt. Seine wahnwitzige Mission liefert allerdings den Beweis, dass der Mensch selbst in der dunkelsten Stunde noch nach Erlösung sucht und sich ein Stück Normalität erhalten will. Inmitten all des Leids gibt Saul, der von Géza Röhrig wie ein Getriebener verkörpert wird, seinem hoffnungslosen Dasein einen letzten Sinn.

Kann bzw. darf man das Grauen des Holocausts in Kinobildern einfangen? Diese Frage schwebt auch über "Son of Saul", der schon bei seiner Cannes-Premiere im Jahr 2015 kontroverse Diskussionen auslöste. Vielleicht ist es gerade heute, da jüngere Generationen den Massenmord an den Juden als etwas weit Entferntes empfinden, wichtiger denn je, von den schrecklichen Ereignissen zu berichten. Nemes‘ Langfilmdebüt macht auf eindringlichste Weise erfahrbar, was es heißt, einer systematischen Vernichtungsmaschinerie ausgeliefert zu sein, und greift eine Gefangenenrebellion auf, die es in Auschwitz wirklich gegeben hat. Mit den Angehörigen der Sonderkommandos nimmt das Drama Häftlinge in den Blick, die für die Nazis die Drecksarbeit verrichten mussten und dabei gewissermaßen von Opfern zu Mittätern wurden. Ein Umstand, der nicht jedem Zuschauer geläufig sein dürfte – was den Wert des Films nur noch steigert.

Fazit: Vielfach prämiert und heiß diskutiert – László Nemes‘ Spielfilmdebüt "Son of Saul" entführt den Betrachter in die Hölle von Auschwitz und setzt dabei auf eine konsequent-subjektive Inszenierung. Harte Kost, die fesselt und aufwühlt, ohne das Leid der Opfer auszuschlachten.




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