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Kritik: Dunkirk (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Christopher Nolan hat in einigen seiner Filme wie "Memento", "Inception" und "Interstellar" seine Faszination für die Zeit erkennen lassen - ihre Dehnbarkeit und Relativität zu künstlerischen Zwecken. In besagten Streifen ist ihm der Kunstgriff, mit der Zeit zu spielen, perfekt gelungen. Beinahe allen seiner Werke ist gemein, dass der englische Regisseur und Drehbuchautor parallele Handlungsstränge montiert und zu einem organischen Ganzen zusammen setzt - in "The Dark Knight" laufen teilweise vier Erzählstränge parallel; "Inception" weitet das auf bis zu sechs aus.

Mit "Dunkirk" führt Nolan nun beides - die Faszination für das Spiel mit der Zeit als erzählerische Konstitutive als auch die Parallelmontage verschiedener Handlungsstränge - konsequent und komprimiert weiter. Es handelt sich bei diesem Abenteuerfilm um kein Epos, sondern im Grunde um das Gegenteil. Nolan hat keine Zeit für etablierende Erklärungen, weit ausgreifende Landschaftsaufnahmen, lange Reden, Liebesgeschichten oder Schlachtengetümmel. Sein Anspruch ist es, den Zuschauer an einen spezifischen Ort - die er in drei Parallelzüge Mole, Meer und Luft aufsplittet - zu einem bestimmten Zeitpunkt - die er in eine Woche, einen Tag und eine Stunde differenziert - wie mit einem Fallschirm abzuwerfen und vom ersten Bild an konstant in Atem zu halten.

Da wären wir bei der ersten großen Qualität dieses Films: Obwohl ständig irgend etwas auf der Leinwand aus unterschiedlichen Perspektiven und auf verschiedenen Zeitebenen geschieht, verliert der Zuschauer nie den Überblick. Nolan versteht es meisterlich, das Tempo so anzuziehen oder zu dehnen, das Bild so zu fokussieren oder zu weiten, dass das Seherlebnis nicht anstrengend wird und alles logisch zusammen zu führen. Man könnte meinen, hier trifft sich die Anfangssequenz aus "Saving Private Ryan" mit "Cloud Atlas" - und wenn dies so ist, man merkt es dem Streifen nicht an.

Die Unmittelbarkeit des Geschehens wird dabei durch zwei fast gegeneinander arbeitende Aggregatzustände geprägt: Die Soldaten am französischen Strand bis hoch zu den Offizieren sind den Deutschen hilflos ausgeliefert, und gerade die Hauptfigur des von Fionn Whitehead gespielten namenlosen Soldaten versucht wie ein Hamster im Laufrad immer wieder dem Strand zu entkommen und wird doch beständig an ihn zurück geworfen. Auf der anderen Seite sind die Retter - Mark Rylance am Steuer seines Bootes, Tom Hardy am Steuer seines Flugzeugs - von einer ruhigen, entschlossenen Professionalität gezeichnet. Ihr Wissen und ihre Kompetenz retten ihr Leben und das vieler Anderer; Nolan zeigt, dass es nicht "unbändiger Kampfkraft" bedarf, um in kriegerischer Auseinandersetzung, die oft wie Eins-zu-eins-Duelle wirken, zu bestehen, sondern eines kühlen Kopfes und Erfahrung.

Bei einer Historie, deren Ausgang bekannt sein dürfte, dennoch so durchgehend die Spannung zu halten, ist ein weiteres bemerkenswertes Merkmal dieser Produktion. Durch die Fokussierung auf ganz konkrete Momente wie das Eingeschlossensein in Schiffsrümpfen oder einer Flugzeugkapsel, dem Ausweichen von Kugelgeschossen oder dem Transport eines Kranken über eine Planke kann jeder Zuschauer selbst nachvollziehen, wie hoch Anspannung und Todesangst sind. Für Heroismen ist dabei kaum Zeit; es geht beständig um das nackte Überleben. Bei der Frage, ob es sich hier also um einen Anti-Kriegsfilm handelt, wo doch kein Blut fließt, muss man klar konstatieren: Hier wird Krieg als ständig wiederholende Mini-Hölle gezeigt, insofern müsste es verwundern, wenn Besucher mit einem anderen Gefühl als der Dankbarkeit, nicht in dieser Zeit gelebt haben zu müssen, aus dem Kino kommen.

Dass der Filmemacher die jungen Soldaten mit wenig bekannten Gesichtern besetzt hat, erhöht den Realismus der Szenen; dass einige bekannten Mimen wie Rylance, Hardy, Kenneth Branagh und Cillian Murphy auftauchen, die Identifikation. Und es kann auch nicht schaden, dass die wenigen, am Rande der Gefühligkeit schlitternden Szenen von Schauspielern dieses Kalibers serviert werden.

Nicht zuletzt aber ist "Dunkirk" ein cineastischer Triumph, weil alle Rädchen ineinander greifen und einen Genuss aus einem Guss erreichen. Die Photographie von Hoyte van Hoytema, mit dem Nolan zum zweiten Mal seit "Interstellar" gearbeitet hat, ist Atem beraubend: Tag- und Nachtaufnahmen, über Wasser, unter Wasser, in der Luft, in den Wolken, Nahaufnahmen und Panoramaaufnahmen - und dies teilweise mit den riesigen IMAX-Kameras gefilmt, sind grandios. Der Schnitt von Lee Smith ist makellos. Ein Sonderlob muss aber an Hans Zimmer gehen, dessen Musik mit den Bildern nahezu zu verschmelzen scheint. Zwar schimpfte ein Hörer, bei solcher "Musik" könne er auch dem "Surren seines Kühlschrankes" zuhören - und es stimmt, viel Melodie hat Zimmer nicht zu bieten. Aber wie schon bei "Inception" und noch mehr bei "Interstellar" schafft es der Komponist, durch das Ticken und Raunen die Stimmung zu transportieren, die Nolan erreichen will, und den Ton perfekt zu ergänzen, teilweise zu ersetzen.

Wenn "Dunkirk" nicht die Höchstwertung erhält, dann weil er bei aller Brillanz nicht die Originalität oder Genialität eines "Memento" oder "Inception" erreicht. Die Messlatte liegt hier zugegebenermaßen sehr hoch, aber die ganz persönliche Tragik der Figuren, welche die Nolan-Werke auszeichnet, fehlt hier aufgrund des "pars pro toto"-Draufblicks auf das Geschehen. Nicht, dass der Film kalt wäre, aber die unerbitterliche Mechanik des Geschehens, so phantastisch sie auch in Szene gesetzt sein mag, geht auch ein wenig auf Kosten der Charaktermomente, die der Filmemacher in seinen ruhigeren Werken wie "Insomnia", "The Prestige" und selbst in den "Batman"-Filmen eingewoben hat.

Fazit: Totales Kino, das den Zuschauer in den Bann schlägt, ohne ihn zu überwältigen oder zu ermatten. Keine Frage, dass Christopher Nolan einer der besten Regisseure der Filmgeschichte ist, der es versteht, Bild, Ton, Musik und Schnitt perfekt aufeinander abgestimmt einzusetzen. Die technische Brillanz überwindet die mangelnde inhaltliche Originalität fast vollständig.





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