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Kritik: Das schweigende Klassenzimmer (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Das schweigende Klassenzimmer" ist der neue Film von Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume, der auf dem gleichnamigen Sachbuch von Dietrich Garstka beruht. Der in Italien geborene Kraume machte sich zunächst einen Namen als Regisseur einiger "Tatort"-Folgen, bevor er sich mit dem mehrfach prämierten TV-Film "Guten Morgen, Herr Grothe" auch abseits des Krimi-Formats etablieren konnte. "Das schweigende Klassenzimmer", sein erster Kinofilm seit "Der Staat gegen Fritz Bauer", beruht auf wahren Begebenheiten und erlebte seine Weltpremiere auf der diesjährigen Berlinale.

Das wahre Leben schreibt immer noch die spannendsten Geschichten: Schon mit dem packenden Polit-Thriller "Der Staat gegen Fritz Bauer" bewies Lars Kraume seine beeindruckenden Fähigkeiten, wahre Begebenheiten im Nachkriegsdeutschland mitreißend und intensiv zu verfilmen. Das gelingt ihm mit "Das schweigende Klassenzimmer" nun erneut meisterhaft. Man kann sich dem Sog, den dieser Film entwickelt, nur schwer entziehen. Das liegt nicht zuletzt an der Art und Weise wie Kraume von den Ereignissen im Herbst 1956 erzählt. Denn er betrachtet hier stets alle Seiten sowie Sichtweisen und schlägt sich nicht immer ganz eindeutig auf die Seiten der schweigenden Schüler, was ein Leichtes gewesen wäre.

Vielmehr lässt er auch den Zweiflern an der spontanen Aktion der Abiturienten genügend Raum, wodurch die Komplexität des Falls nochmals verdeutlicht wird. Und: die Ambivalenz der Gefühle aller Beteiligten. Da wäre etwa der Rektor der Schule (glaubhaft und innerlich zerrissen von Florian Lukas verkörpert), der insgeheim Verständnis für das Aufbegehren der jungen Menschen hat aber auch um die Pflicht eines jeden DDR-Bürgers weiß, nicht gegen den Staat und das System aufzubegehren. Schließlich hätten "nicht viele Schüler im Land die Chance, das Abitur zu machen", wie er an einer Stelle sagt.

Oder die Eltern der des Verrats Beschuldigten: auch sie selbst müssen sich fragen, wie sie über das totalitäre System, in dem sie leben, denken. Ein Staatsapparat, der sie in dieses so enge Korsett aus Gehorsamkeit und sozialistischem Gedankengut, zwängt. Aber sie wissen auch: fügen sich ihre Kinder nicht, bringen sich diese um das Abitur und damit um die finanziell gesicherte Zukunft. Aus all diesen Spannungsverhältnissen und Widersprüchen bezieht der Film eine enorme Kraft und stellt (auch für den Zuschauer) unangenehme Fragen. Wie hätte man selbst reagiert? Hätte man sich gefügt oder wäre man den Weg des Widerstands mitgegangen?

Darstellerlisch überzeugt der Film zudem auf ganzer Linie. Die Jung-Schauspieler verkörpern ihre Figuren allesamt glaubhaft und vielschichtig. Allen voran Leonard Scheicher als gewiefter und schelmischer Theo, der die Idee hat sich mit einer Notlüge aus der Affäre zu winden. Nicht in Frage kommt dies für seinen Freund Kurt (der große Sympathieträger des Films), einnehmend verkörpert von Tom Gramenz. Am Ende geht es im Film sehr dramatisch zu und – so viel sei gesagt – der ein oder andere Schüler wird den Kampf gegen das unterdrückende, totalitäre (Staats- sowie Schul-)System mit dem Leben bezahlen.

Fazit: Ein von einem herausragenden (Jungdarsteller-) Cast getragener, von Anfang bis Ende mitreißender Film, der das restriktive, unmenschliche politische System der DDR gnadenlos an den Pranger stellt und den Zuschauer mit unangenehmen, aber wichtigen Fragen konfrontiert.




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