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Ad Astra - Zu den Sternen
Ad Astra - Zu den Sternen
© 20th Century Fox

Kritik: Ad Astra - Zu den Sternen (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Für kluge, gar philosophisch gefärbte Weltraumfilme war im Kino lange kaum Platz. Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" (1968), Andrei Tarkowskis "Solaris" (1972) oder Ridley Scotts "Alien" (1979) bilden die Ausnahme. Die Regel sind Franchises irgendwo zwischen den "Star Wars"- und "Star Trek"-Universen oder Weltuntergangsfantasien, mal mit Außerirdischen ("Independence Day", "Krieg der Welten"), mal mit Asteroriden oder Kometen ("Armageddon", "Deep Impact").


Seit geraumer Zeit geben Produzenten nachdenklicher Science-Fiction erstaunlich viel Raum. Wenn Regisseur und Drehbuchautor James Gray "Ad Astra" vollmundig sowohl als bislang "realistischste Darstellung der Raumfahrt" als auch als Mix aus Kubricks "2001" und Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" (1979) ankündigt, muss er sich mit der neu erstarkten Konkurrenz messen lassen. "Gravity" (2013), "Interstellar" (2014), "Der Marsianer" (2015), "Arrival" (2016) – die Latte hängt hoch, um nicht zu sagen: in den Sternen.

Gray, bislang vornehmlich für Milieu-Thriller und -Dramen bekannt, hat bereits mit "The Immigrant" (2013) bewiesen, dass er mit opulenten Bildern hantieren kann. Und in "Die versunkene Stadt Z" (2016) mischte er spektakulären Naturansichten eine Abenteuergeschichte zweier gebrochener Helden unter. Brad Pitt, der schon damals Interesse an der Hauptrolle hatte, steht nun erstmals für den 1969 geborenen New Yorker vor der Kamera. Sein Ingenieur und Astronaut Roy McBride ist noch unzugänglicher als die Protagonisten aus Grays Vorgängerfilm. Pitt spielt ihn als emotional Abgeschotteten, der keinerlei Gefühlsregungen zeigt. Erst als er seinem Vater Clifford (Tommy Lee Jones) wiederbegegnet, kullert ihm eine erste Träne übers Gesicht. Das zweite und letzte Mal hat er Tränen in den Augen, als er die Erde wiedersieht.

Gray setzt diesen familiären Selbstfindungstrip im All mit astronomisch hohem Stilwillen um. Die Bilder vom Mond, Mars und Neptun sind überwältigend. Jede Einstellung von Kameramann Hoyte Van Hoytema, der schon Christopher Nolans "Interstellar" in berauschende Bilder goss, ist perfekt ausgeleuchtet und kadriert. Die Sets und Kostüme sind von einer besessenen Detailverliebtheit gekennzeichnet. Gray präsentiert seinem Publikum eine zutiefst geerdete nahe Zukunft, die durch die Abbildung ihrer technischen Abläufe ungemein authentisch wirkt. Gepaart mit Brad Pitts Erzählkommentar und Max Richters wuchtig-orchestralem, aber sehr dosiert eingesetztem Score entfaltet sich schnell ein meditativer Trip.

Wer auf temporeiches Spektakel steht, sitzt im falschen Film. Gray erzählt seine Geschichte für heutige Sehgewohnheiten geradezu aufreizend entschleunigt. Fabelhaft choreografierte Actionsequenzen setzt er nur sporadisch ein. Dem Filmemacher geht es mehr um Roys innere Reise. Diese steht jedoch im krassen Kontrast zur visuellen Wucht. Erzählerisch kann sich Gray wie schon bei "Die versunkene Stadt Z" nicht entscheiden, ob er das Genre dekonstruieren oder ihm huldigen möchte. So vielgestaltig, originell und klug "Ad Astra" aufzeigt, wohin die Menschheit steuern könnte, so plump löst der Film seine Handlung auf. Statt eines Twists oder gar intelligentem Leben hat das Drehbuch lediglich einen Vater-Sohn-Konflikt samt Abnabelung am Rande unseres Sonnensystems zu bieten. Für den ganz großen Griff nach den Sternen ist das zu wenig.

Fazit: James Grays "Ad Astra" steht in einer Reihe jüngerer, philosophisch grundierter Science-Fiction-Dramen. Gray inszeniert die Reise seiner Hauptfigur als inneren Trip – visuell überwältigend, technisch perfekt, erzählerisch entschleunigt. Die formale Brillanz steht allerdings im Kontrast zur dünnen Handlung. Das Genre revolutionieren wird "Ad Astra" nicht.




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